21.08.09

Keseliste


In der letzten Zeit bin ich mal wieder nicht so viel zum Lesen gekommen, wie es mir eigentlich recht gewesen wäre, aber immerhin gibt es wieder etwas zu berichten:

Wladimir Kaminers Russendisco wurde mir wärmstens ans Herz gelegt, man munkelte sogar, er sei Wolf Haas gar nicht so unähnlich. Das kann ich leider nicht bestätigen, mich hat die Russendisco nämlich nicht wirklich beeindruckt, auch wenn es eine ganz nette Lektüre ist.

Sehr nett und unterhaltsam ist Möwengelächter von Kristin Maria Baldursdottir, das den Kleinstadtmief einer isländischen Küstenstadt in den 50er Jahren beschreibt. Sehr atmosphärisch, es gehört sicher zu den besseren Büchern, die ich in letzter Zeit gelesen habe.

19 Minunten von Jodi Picoult habe ich regelrecht verschlungen und diesem Roman verdanke ich meine derzeitige Müdigkeit -- ich konnte es abends einfach nicht weglegen. Es ist mitreißend, nachvollziehbar, vielschichtig, dann aber auch wieder klischeehaft, platt, stellenweise zu simpel... Sicher kein Buch, über das man ein leichtes Urteil fällen kann. Und sehr kontrovers, vermutlich auch kein Roman, mit dem sich die Autorin viele Freunde macht.

Denn die Feindbilder sind komplett verdreht.

Es geht um einen Amoklauf an einer amerikanischen High School -- und die Autorin ergreift die Partei des jungen Amokläufers!

(Schnell nachgetragen: nein, täte sie nicht, schreibt sie in einer e-mail, der Punkt sei, jeder könne jederzeit ein Mobber werden. Und Peter sei nicht sympathisch gezeichnet, immerhin empfinde er später keine Reue. Aber ich finde nicht, dass letzteres so rüberkommt).

Von seinen Eltern niemals richtig wahrgenommen, vom älteren Bruder, den die Eltern vergöttern, verhöhnt, und vom ersten Schultag an täglich gemobbt, gehänselt und gedemütigt, verkriecht sich Peter erst in eine virtuelle Welt. Schließlich kann er die Demütigungen nicht mehr ertragen und rastet endgültig aus. Er beschafft sich (mit Leichtigkeit) Waffen und setzt das Computerspiel, das er selber erfunden hat, das, in dem die under dogs alle niederballern, die sie zuvor schikaniert haben, in die Realität um.

Am Ende der 19 Minuten seines Amoklaufs gibt es zehn Tote, unzählige Schwerverletzte, und viele, viele, für die das Leben nie mehr so wird wie es war.

So weit, so... klischeehaft.

Aber letztlich ist der Amoklauf ein Aufhänger für die Frage nach der Gruppendynamik, dem Gruppenzwang: wer darf entscheiden, wer hip und beliebt ist, und wer ein Außenseiter.

Wie Picoult anhand der zweiten Protagonistin, Josie, zeigt, ist das nämlich nichts, was man selber beeinflussen kann, sondern diese Entscheidung ist komplett der Willkür anderer überlassen.

So ist es ein reiner Zufall, dass irgendjemand in der popular crowd eines Tages entscheidet, Josie in den Kreis der Erlauchten aufzunehmen. Diese bricht daraufhin den Kontakt zu Peter, mit dem sie befreundet war, ab, und lebt nur noch dafür, die "Tarnung" aufrechtzuerhalten.

Das ist mühsam.

Sie nimmt einiges in Kauf, zum Beispiel, dass ihr Freund Matt, der angesagteste Typ der ganzen Schule, grausam und auch ihr gegenüber rücksichtslos ist und mit ihr macht, was er will.

Nach außen ein toller Typ, aber in Wirklichkeit keiner, den sich eine Mutter für ihre Tochter wünscht.

Wenn sie denn mal genauer schauen würde.

(Tut aber niemand, schon gar nicht Josies Mutter).

Josie wehrt sich nicht, sondern redet es sich schön -- immer in dem Bemühen, bloß keine Angriffsfläche zu bieten und nicht wieder auf der anderen Seite des Zaunes, auf der der Außenseiter, zu landen!

Die Feindbilder sind in dieser Geschichte ziemlich eindeutig die hippen Typen, die die Außenseiter grausam behandeln und täglich demütigen und die Grenze jeden Tag auf's Neue ziehen.

Ebenfalls Selbstschutz, aber ein sehr zweifelhafter: "Ohne die anderen kann es nämlich auch kein wir geben."

Interessant ist auch die Rolle der Eltern in dieser Geschichte -- eigentlich ganz nette, normale Leute, aber total ahnungslos. Und bleiben es auch. Picoult schildert sehr überzeugend, wie Peters Mutter aus allen Wolken fällt, als sie am Tatort erfährt, dass ihr Sohn der Amokläufer ist.

Obwohl sie an sich selber zweifelt und sich immer wieder fragt, was sie wohl falsch gemacht hat, stellt sie nie die richtigen Fragen!

Am Ende legt sie sich die Welt dann doch nur wieder so zurecht, wie sie sie ertragen kann.

Doch, der Roman ist gelungen, stellenweise natürlich plakativ, aber zumindest regt er sehr zum Nachdenken an!

Da wäre ich mal gespannt auf andere Meinungen...

In diesem Sinne usw.

So long,
Corinna

Kommentare:

  1. Also meine Meinung ist, dass der Kaminer nicht so doll ist, wie gedacht bzw. angepriesen! Also viel Lärm um ni....... äh.......... wenig!

    AntwortenLöschen
  2. *lol* -- da sind wir einer Meinung.

    Schönes Wochenende, wünsche ich in die Runde!

    In diesem Sinne usw.

    So long,
    Corinna

    AntwortenLöschen

Liebe Frau_Mahlzahn!

LinkWithin

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...