24.12.09

Der Grindinger und die Weihnachtsperle



Die Blogperlen sind schon wieder auf der Reise...



... und werden hoffentlich bald bei Maria in der Schweiz eintreffen. Ich wünsche viel Spaß damit -- es war schön, sie hier gehabt zu haben, und ich wünsche allen, zu denen sie noch kommen werden, viel Freude mit ihnen!

Meine Blogperlen-Geschichte habe ich verbunden mit Mutzes Adventskalender -- die letzte Geschichte, das hatte sie sich gewünscht, sollte von mir sein:

Der Grindinger und die Weihnachtsperle*
Corinna Steinert

Jetzt war was passiert, woran der Grindinger nicht ganz unschuldig war. Wobei „nicht ganz unschuldig“ auch nicht stimmt. Seine Perle hatte es nicht mehr ausgehalten mit ihm, und das war ein großes Pech für ihn, weil sie die einzige war, mit der er es sich noch nicht verdorben hatte. „Bezahl’ dich ja auch gut genug dafür, dass du geduldig mit mir bist,“ brummte er jedes Mal, wenn sie ihn ermahnte, es nicht zu toll zu treiben, weil sie sonst gehen werde. Aber meistens beeindruckte ihn ihre Drohung und er riss sich zusammen. Für ein paar Tage jedenfalls. Aber jetzt hatte er es wirklich übertrieben, und seine Perle war gegangen.

Und das kurz vor Geschäftsschluss. Und nicht nur vor irgendeinem Geschäftsschluss, sondern vor dem Geschäftsschluss vor Weihnachten. Wo doch jeder wusste, dass Weihnachten dieses Jahr besonders lang war, weil dem zweiten Weihnachtsfeiertag direkt ein Sonntag folgte, und an dem konnte man ja nun auch nichts einkaufen.

Weil die Perle gegangen war, ohne vorher noch für ihn einzukaufen, hatte er jetzt nichts zu essen, nichts zu trinken, und einen Christbaum hatte er schon gar nicht. Er hatte noch nicht mal Weihnachtspost, die er hätte verheizen können, weil ihm schon lange niemand mehr schrieb.

Jedenfalls hatte der Grindinger außer seiner Perle niemanden, und solange sie noch da gewesen war, und ihm den Haushalt gemacht und das Essen gekocht hatte, während er in seinem Arbeitszimmer über seinen Büchern saß, war ihm das egal gewesen. Er hatte nämlich anderes zu tun, als sich mit anderen Leuten herumzuärgern, denn er war Philosoph und ein ziemlich wichtiger noch dazu. Konkret hieß das: niemand verstand, worüber er redete, was ihn um so wichtiger machte. Klare Sache, das: je unverständlicher Sprache und Satzbau, desto größer die Bedeutung des Philosophen.

Aber den Grund, aus dem die Perle auf einmal gegangen war, den konnte diesmal
er nicht so recht verstehen. Ist ja auch ganz klar, als Philosoph dachte er zwar viel über das Leben nach, aber vor lauter Nachdenken verstand er es dann oft selber nicht.

Jetzt war sie schon einige Jahre bei ihm gewesen, jeden Morgen pünktlich erschienen, hatte ihm den Kaffee gekocht, dafür gesorgt, dass er sich etwas Frisches anzog, die Wäsche gewaschen, den Haushalt versorgt, eingekauft und all’ das getan, wofür der Grindinger halt keine Lust hatte, es selbst zu tun. Sie hatte seine Launen ertragen, und das wusste selbst er, dass das nicht immer einfach war. Nur ganz selten hatte sie was gesagt, aber er hatte nie gedacht, dass sie es ernst meinte, wenn sie zu schimpfen begann, dass sie allemal einen besseren Job finden würde und selber nicht wisse, warum sie überhaupt noch bei ihm bliebe.

„Ja, dann geh’ doch,“ hatte er heute zu ihr gesagt, „es wird schon nicht so schwer sein, eine neue Perle zu finden.“ Konnte nun auch wirklich nicht so schwer sein, es gab bestimmt eine Menge Frauen, die froh wären um so eine Anstellung, gerade in Zeiten wie diesen.

„Gerade in Zeiten wie diesen,“ hatte sie ihn nachgeäfft und sich zu ihm umgedreht, „ich bin nicht Ihre Perle, ich kann das nicht ausstehen, wenn Sie mich so nennen,“ gesagt und gefragt: „Wissen Sie überhaupt, wie ich heiße?“

„Natürlich,“ hatte er geantwortet, „weiß ich, wie du heißt, ich bin ja nicht blöd.“ Aber nur um sie zu ärgern hatte er so getan, als ob ihm der Name nicht sofort einfiele. Erst als die Haustür krachend hinter ihr ins Schloss gefallen war, hatte er ihr hinterher gebrüllt: „Rosalie heißt du, sieht du, ich weiß es ja!“ Da war es schon zu spät gewesen.

So ein Blödsinn. Er schüttelte den Kopf.

Nun saß er also hier und hatte, ehrlich gesagt, ziemlich großen Hunger. Die Perle – oder Rosalie, wenn es ihr so wichtig war – hatte ja noch einkaufen gehen sollen. Mühsam raffte er sich auf, suchte seine Jacke, seine Handschuhe und seine Geldbörse zusammen, nur die Einkaufstasche fand er nicht, wie auch, wenn er sich um so etwas nie hatte kümmern müssen. Ging er eben ohne los.

Im Supermarkt stand er wahllos vor den Regalen und wusste so überhaupt nicht, was er einkaufen sollte. Was brauchte man denn für ein Weihnachtsessen? Nicht, dass es ihm wichtig war, er feierte Weihnachten nicht, aber ein gutes Essen, darauf hatte er sich schon gefreut. Die Rosalie machte ihm immer einen Schweinsbraten mit Serviettenknödeln, das konnte doch eigentlich nicht so schwer sein.

An der Fleischtheke standen so viele Leute, dass er keine rechte Lust hatte, sich dazu zu stellen. Sicher gab es auch irgendetwas in der Tiefkühltruhe, das ordentlich schmeckte und leicht zuzubereiten war. Aber außer Tiefkühlpizza und Fischstäbchen war da auch nicht viel, nahm er also Pizza, und davon gleich vier, weil da ja auch noch die Weihnachtsfeiertage waren.

Zwei Flaschen Rotwein kaufte er noch, das sollte für ihn reichen, und während er in der Schlange an der Kasse wartete, überlegte er schon mal, was er in die Annonce schreiben sollte, weil er ja jetzt dringend eine neue Perle brauchte. Nur fiel ihm überhaupt nichts ein. Er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, wie er damals die... Rosalie – meine Güte, konnte man sich aber auch anstellen – gefunden hatte, die war halt irgendwie immer schon da gewesen.

Eigentlich wäre jetzt, wo der Grindinger da so stand und über seine Perle, also über die Rosalie, nachdachte,
der Moment gewesen, in dem ihn eine gewisse Sentimentalität hätte überkommen sollen. Schließlich war die Rosalie ja nun der einzige Mensch in seinem Leben, der sich um ihn gekümmert hatte, und weil Weihnachten und das nun mal die Zeit war, in der man ein wenig rührselig wird.

Aber so ein Mensch war der Grindinger nicht, er gehörte ja noch nicht mal zu den Leuten, die von sich aus auf die Idee kamen, an der Kasse eine Frau mit schreiendem Baby vorzulassen. Es war zwar auch nicht gerade so, als ob er ein wirklich bösartiger Mensch gewesen wäre, der meinte, dass die Frau ja selber Schuld sei, wenn sie ihr Baby mit zum Einkaufen nahm.

Sondern weltfremd und nicht wirklich lebenstüchtig, so ganz auf sich allein gestellt. Und im Umgang mit anderen Menschen eben eine komplette Niete. Da hatte er so lange über seinen Büchern gesessen, aber keine Ahnung, wie man sich benahm, wenn man in einer langen Schlange an der Kasse stand.

Der Frau mit dem schreienden Baby war das natürlich egal, ob der Grindinger nun im Grunde seines Herzens doch kein ganz so schlechter Mensch war, sie wollte einfach nur nach Hause und schaute böse, weil er sie nicht vorließ. Aber zum Glück für sie und zum Glück für den Grindinger stand auch die Rosalie in der Schlange an der Kasse, ziemlich weit vorne, so dass er sie nicht gesehen hatte. Natürlich winkte sie die Frau zu sich. Den Grindinger schaute sie nur kopfschüttelnd an und hatte keine Ahnung, wie es dieser Mann ohne sie schaffen sollte.

Im Gegensatz zum Grindinger war die Rosalie ein mitfühlender Mensch. Geduldig war sie auch, und so wartete sie hinter der Kasse, bis er endlich bezahlt hatte. Und obwohl es ein bisschen zu rührselig wäre, wenn sie ihm jetzt auf der Stelle verziehen und ihm doch noch seinen Schweinsbraten gemacht hätte, begleitete sie ihn wenigstens nach Hause, um ihm die Pizza ins Backrohr zu schieben und die Weinflasche zu öffnen. Weiß der Geier, was sonst alles passiert wäre, bestimmt hätte er die Flasche zerbrochen bei dem Versuch, sie zu öffnen, und die Küche in Brand gesteckt.

Und jetzt passierte was, was der Grindinger nie für möglich gehalten hätte, weil er nämlich nie auf die Idee gekommen wäre: jetzt in dem Moment, in dem die Rosalie den Korkenzieher wieder in die Schublade legte, war er dankbar, dass sie bei ihm war. Nicht, weil sie ihm die Flasche geöffnet hatte, das hätte er schon selber geschafft und eigentlich ärgerte es ihn fast ein bisschen, dass sie sie ihm einfach aus der Hand genommen hatte. Aber er
merkte, dass er dankbar war, und als er genauer darüber nachdachte, merkte er, dass er schon immer dankbar gewesen war. Er stand auf und holte ein Weinglas und einen Teller aus dem Schrank, und dann fragte er die Rosalie, ob sie nicht noch ein Glas Wein mit ihm trinken und ein Stück Pizza mit ihm essen wolle.

Und so kam es, dass sie doch noch ein wenig länger bei ihm blieb, zumindest auf ein Glas Wein und ein Stück Pizza. Aber alles andere würde sich finden müssen, das wusste auch der Grindinger.



*****

So. Heute ist also Weihnachten.

Das schönste an Weihnachten sind für mich die Lichter, und der schönste Moment an Weihnachten ist es deshalb, wenn ich kurz vor der Bescherung meine Teelichter aus dem Keller hole, sie auf dem Balkongeländer und der Terrassenmauer aufstelle und die Kerzen anzünde.

Viele Leute werden wohl nicht mehr vorbei gehen, aber ich denk' mir immer, dass es einfach schön aussieht, und ich schaue auch oft aus dem Fenster, weil sie so schön leuchten.



In diesem Sinne wünsche ich Euch allen ein frohes Fest und ein paar besinnliche schöne Tage mit schönen, wärmenden Lichtern!

So long,
Corinna

*Nicht gut, aber trotzdem meine Geschichte!

Kommentare:

  1. Sehr schöne Geschichte zum Weihnachtswesentlichen.

    Der Grindinger ist schon sehr zu beneiden ... und vielleicht die Rosalie auch, denn sie hätte sich wohl auch die ganze Feier geärgert wenn sie ihm nicht mehr den Kopf zurechtgerückt hätte. Wie ich Sie einschätzen würde, stand sie nicht ganz zufällig in der Kassenschlange ...

    Danke

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  2. Doch gut!

    Weihnachtliche Grüße,

    Perle

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  3. mir gefällt sie, deine Perlen-Weihnachtsgeschichte ...
    Schöne Feiertage und weihnachtliche Grüße
    Lilie

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  4. Toll, ich bin begeistert! Fröhliche Weihnachten, dir und deinen Lieben wpnscht von Herzen, piri

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  5. Außerdem hast du mir eine große Freude gemacht, die Perlen zu fotografieren, so schön unterschiedlich, so unterschiedlich, wie die Menschen und ihre Geschichten dazu ...

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  6. Das ist eine wunderbare Perlengeschichte. Irgendwie habe ich eben Jack Nicholson vor mir gesehen und Marianne Sägebrecht ;-)
    Frohes Fest.

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  7. Mir gefällt deine Geschichte ---- sehr gut sogar!

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  8. Eine wunderbare, sehr versöhnliche Weihnachtsgeschichte, die mich gerade ein bisschen besänftigt ;-)

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  9. Eine tolle Geschichte, passend zum Weihnachtsfest.
    Einen frohen 2. Weihnachtstag wünscht
    Bbdüm

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  10. Nun, was soll ich jetzt noch über deine Geschichte schreiben - das Lob ist schon mehrfach geschrieben worden, und ich kann mich dem nur noch anschließen.
    Ich denke ihr hattet auch ein schönes, gemütliches Weihnachtsfest und wünsche euch jetzt noch einen schönen Urlaub. Freu mich darauf, euch in den nächsten Tagen zu sehen.

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  11. ...erkennt der Mensch erst seine Perlen wenn er sie nicht mehr hat?
    ...
    Dir wünsche ich schöne Tage und einen guten Rutsch.
    .. DAnke für deine Geschichte!

    Liebe Grüße Bonafila

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  12. Herzlichen Dank für die guten Wünsche.
    Dir und Deiner Familie wünsche ich alles Gute und Gottes Segen fürs Neue Jahr.

    Maria

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Liebe Frau_Mahlzahn!

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