22.12.09

Der tugendhafte Hund


Vor ungefähr neun Jahren fuhren Mutze und ich mit dem Zug von Frankfurt nach Köln, in einem Großraumabteil fuhren wir, und um uns herum waren viele ältere Leute.

Ältere Leute, die nur mäßig begeistert waren von einem kleinen Kind im Abteil, das schon mal für eine steile Operkarriere übte.

Doch als wir an der Lorelei vorbeikamen, lief Mutze zum Fenster, schaute verträumt hinaus und sagte...

...

...

...

...

"Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
dass ich so traurig bin,
ein Märchen aus alten Zeiten,
das kommt mir nicht aus dem Sinn..."

Weiter kannte sie den Text zwar nicht, war aber auch egal, denn ab sofort hatte sie bei unseren Mitreisenden absolute Narrenfreiheit.

Nur einer der Gründe, warum man die Grundsteine für eine gute Allgemeinbildung nicht früh genug legen kann, ;-).

Passend zu dieser Anekdote dichtete heute Herr Heine für Mutzes Adventskalender:

Der tugendhafte Hund
Heinrich Heine

Ein Pudel, der mit gutem Fug
Den schönen Namen Brutus trug,
War vielberühmt im ganzen Land
Ob seiner Tugend und seinem Verstand.
Er war ein Muster der Sittlichkeit,
Der Langmut und Bescheidenheit.
Man hörte ihn loben, man hörte ihn preisen
Als einen vierfüßigen Nathan den Weisen.
Er war ein wahres Hundejuwel!
So ehrlich und treu! eine schöne Seel'!

Auch schenkte sein Herr in allen Stücken
Ihm volles Vertrauen, er konnte ihn schicken
Sogar zum Fleischer. Der edle Hund
Trug dann einen Hängekorb im Mund,
Worin der Metzger das schöngehackte
Rindfleisch, Schaffleisch, auch Schweinefleisch packte. -
Wie lieblich und lockend das Fett gerochen,
Der Brutus berührte keinen Knochen,
Und ruhig und sicher, mit stoischer Würde,
Trug er nach Hause die kostbare Bürde.

Doch unter den Hunden wird gefunden
Auch eine Menge von Lumpenhunden
- Wie unter uns, - gemeine Köter,
Tagdiebe, Neidharde, Schwerenöter,
Die ohne Sinn für sittliche Freuden
Im Sinnenrausch ihr Leben vergeuden!
Verschworen hatten sich solche Racker
Gegen den Brutus, der treu und wacker,
Mit seinem Korb im Maule, nicht
Gewichen von dem Pfad der Pflicht. -

Und eines Tages, als er kam
Vom Fleischer und seinen Rückweg nahm
Nach Hause, da ward er plötzlich von allen
Verschwornen Bestien überfallen;
Da ward ihm der Korb mit dem Fleisch entrissen,
Da fielen zu Boden die leckersten Bissen,
Und fraßbegierig über die Beute
Warf sich die ganze hungrige Meute. -
Brutus sah anfangs dem Schauspiel zu,
Mit philosophischer Seelenruh';
Doch als er sah, dass solchermaßen
Sämtliche Hunde schmausten und fraßen,
Da nahm auch er an der Mahlzeit teil
Und speiste selbst eine Schöpsenkeul'.

Moral

Auch du, mein Brutus, auch du, du frisst?
So ruft wehmütig der Moralist.
Ja, böses Beispiel kann verführen;
Und, ach! gleich allen Säugetieren,
Nicht ganz und gar vollkommen ist
Der tugendhafte Hund - er frisst!


Euch einen schönen 22. Dezember -- jetzt geht es in die Zielgerade!

So long,
Corinna

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Liebe Frau_Mahlzahn!

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