09.12.10

Der 9. Dezember...


Trollwald

Eine hoffentlich recht lässige Geschichte in acht Kapiteln

Von Frau_Mahlzahn

3.

Am nächsten Morgen versorgte Malin wie immer zuerst die Tiere. Nachdem sie die Kühe gemolken und auf die Weide getrieben hatte, mistete sie den Stall aus und kümmerte sich dann um die Schweine und Hühner. Am liebsten war sie bei den Kaninchen. Die hatte auch Jarne immer so gern gehabt. Ganze Tage lang hatte er damit verbracht, über die Wiese zu laufen und ihnen die schönsten Löwenzahnblätter zu suchen, und oft hatte ihre Mutter ihn vor den Ställen gefunden, wo er mit den Kaninchen gespielt und gekuschelt hatte. Malin konnte sich noch gut an den Aufruhr erinnern, als der Vater einmal aus Versehen Jarnes Lieblingskaninchen zur Schlachtbank getragen und die Mutter ihn nur knapp davon hatte abhalten können, es tatsächlich zu schlachten.

An diesem Morgen blieb Malin besonders lange bei den Kaninchen und dachte über den Traum der vergangenen Nacht nach. Sie wusste nur zu gut, dass es nicht nur ein Alptraum war, sondern dass das, was sie da bis in ihre tiefsten Träume verfolgte, wirklich geschehen war.

Sie verzweifelte daran, dass niemand ihr glauben wollte. Dabei wussten sie doch alle, dass sie hier auf einem verwunschenen Stückchen Land lebten und hier nichts so friedlich war, wie es auf den ersten Blick schien.

Von den Ställen aus konnte Malin die Stelle sehen, an der ihr Vorfahr Redran vor vielen Jahrhunderten den Wald verlassen und auf die Lichtung getreten war. Heute war dort der einzige Zugang zur Lichtung, eine kleine Straße, auf der sich aber so gut wie nie ein Mensch in dieses Dorf verirrte. In der Mitte der Lichtung, dort wo damals die kleine, verlassene Hütte gestanden hatte, erinnerte heute ein Obelisk an die Stelle, an der sich Sophia und Marla mit dem kleinen Wolfran hier niedergelassen hatten, um auf die Rückkehr von Redran, Rolfin, Tristof und Maran zu warten.

Im Laufe der Zeit waren schon einige Menschen spurlos aus dem Dorf verschwunden. Es geschah nicht oft, aber doch immer wieder. Zuletzt war es Jarne gewesen, der wie vom Erdboden verschluckt war, doch alle versuchten ihr einzureden, dass er im Feuer ums Leben gekommen war. Dabei hatte der Brand doch das Haus der Nachbarn zerstört und bei ihnen nur die Ställe!

Ihr Vater sagte, Jarne habe vermutlich die Kaninchen retten wollen und sei dabei im Feuer eingeschlossen worden, doch sie wusste genau, dass das nicht stimmte. Immerhin hatte man ja auch seine Leiche nie gefunden! Genauso wenig wie man jemals wieder etwas von Redran, Rolfin, Tristof und Maran, oder von den anderen, die aus dem Dorf verschwunden waren, gesehen oder gehört hatte.

Schon lange fragte sich Malin, warum die Menschen so taten, als sei alles in bester Ordnung, wenn doch ganz offensichtlich etwas nicht stimmte. Und das, was nicht stimmte, hing ganz sicher mit dem Wald zusammen, den die Dorfbewohner mieden!

Noch immer war das Dorf ringsum von dichten Bäumen umgeben, die sich bedrohlich um die kleinen Häuser auftürmten. Nie ging jemand zur Jagd, obwohl es dort sicher Wild gegeben hätte, nie gingen die Frauen oder Kinder zum Beeren- oder Pilzesammeln, und selbst, wenn sie Holz brauchten, um ein neues Haus zu bauen oder ganz einfach Brennholz für den Winter benötigten, hielten sie sich immer ganz dicht am Waldrand auf. Selbst die Straße, die zur Welt außerhalb ihres Dorfes führte, betraten sie nur selten, weil sie durch den dichten Wald führte. Doch nie sprach jemand darüber, sondern alle taten so, als existiere der Wald um sie herum gar nicht. Nur manchmal beobachtete sie den Vater, wie er voller Sorge auf den Waldrand blickte, als wolle er sich davon überzeugen, dass sich dort niemand versteckte, beobachtete und auf eine Chance warte, ihnen zu schaden.

Auch Malin hatte den Wald nur wenige Male betreten, damals, als sie noch auf eigene Faust versucht hatte, Jarne zu finden. Sie konnte sich noch gut erinnern, wie viel Furcht ihr die Bäume eingejagt hatten, denn sie wusste, dass sich dort irgendein unheimliches Wesen verstecken musste, dass kleine Kinder stahl. Trotzdem hatte sie sich auf die Suche gemacht, doch irgendwann hatte sie eingesehen, dass es keinen Zweck hatte, wenn sie ohnehin gleich wieder vom Vater eingefangen wurde.

Doch jetzt, dachte Malin plötzlich grimmig entschlossen, hatten sich die Zeiten geändert.

Sie war größer, stärker und erfahrener, wendig im Umgang mit Werkzeug und Waffen, und der Vater war nicht mehr so jung, als dass er sie so schnell einholen könnte. Und sie war diese schrecklichen Träume satt und die Hilflosigkeit, mit der sie ihnen ausgeliefert war.

Sie würde sich wieder auf die Suche machen, entschied sie, sie musste sich diesmal nur ein wenig geschickter anstellen. Und das würde sie, dachte sie, denn es war höchste Zeit, es noch einmal zu versuchen. Noch in dieser Nacht würde sie aufbrechen und Jarne endlich finden. Allein schon, damit diese schrecklichen Träume aufhörten. Entschlossen stand sie auf.

****

Den Nachmittag verbrachte sie damit, heimlich Dinge zu sammeln, die sie für ihre Suche brauchte: Proviant, aber nur wenig, denn sie war zuversichtlich, dass ihr der Wald genug Nahrungsmittel bieten würde. Eine Wasserflasche, die sie am Brunnen füllte. Warme Kleidung und eine Decke, die sie in ihren Rucksack stopfe. Natürlich brauchte sie auch ein Messer und sie überlegte lange, ob sie ihr eigenes oder das ihres Vaters nehmen sollte. Ihres war besser und lag ihr besser in der Hand. Doch allein der Trotz, ihrem Vater zu beweisen, dass sie schon damals Recht gehabt hatte, bewog sie schließlich, auch diesmal – genau wie beim ersten Versuch – seines zu nehmen. Außerdem nahm sie noch kleinere Messer mit, aus deren Klingen sie notfalls Pfeilspitzen herstellen wollte, denn allein mit einem Messer würde sie wohl kein Tier erlegen können.

Am Abend war sie schon so aufgeregt, dass sie beim gemeinsamen Essen mit den Eltern kaum einen Bissen hinunter bekam. Die Mutter merkte, dass etwas nicht stimmte, und legte ihr die Hand auf die Stirn.

„Du siehst blass aus,“ sagte sie, „aber Fieber hast du nicht.“

„Ich bin nur müde, Mama,“ antwortete Malin, und schämte sich dafür, dass sie log. Für ihre Mutter würde es furchtbar sein, wenn auch ihre Tochter verschwand, aber trotzdem musste sie gehen. „Ich konnte nach dem Alptraum letzte Nacht lange nicht mehr einschlafen, und heute war ein langer Tag.“

„Dann leg’ dich am besten gleich hin. Ich mache dir eine heiße Milch mit Honig, dann wirst du diese Nacht besser schlafen.“ Dabei wusste auch die Mutter zu gut, dass kein Mittel half gegen die ständigen Alpträume. Trotzdem gab Malin ihr noch einen Kuss und drückte sie fest, bevor sie sich in ihr Zimmer zurückzog.

Denn wer wusste schon, wann sie ihre Mutter wiedersehen würde?


****

In diesem Sinne Euch einen schönen 9. Dezember!

So long,
Corinna

1 Kommentar:

  1. Kannste nich' scho' ma' weiter erzählen? So Ausnahmsweise? Büüüüüüüüüüüüüüüüüüdde! *klimperklimper*

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Liebe Frau_Mahlzahn!

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