12.12.10

Nachgereicht: der 12. Dezember


Trollwald

Eine hoffentlich recht lässige Geschichte in 8 Kapiteln

von Frau_Mahlzahn

4.

Malin betrat den Wald mit zögernden Schritten. Sie musste sich entscheiden: wollte sie ihre Laterne entzünden und bis zum Morgen, wenn die Eltern ihr Fehlen entdeckten, schon weit genug ins Dickicht vorgedrungen sein, damit ihr Vater sie dieses Mal nicht mehr finden konnte? Das bedeutete aber auch, dass die unheimlichen Wesen, die im Wald lauerten und den Menschen übel gesonnen waren, sie leichter entdecken würden. Wollte sie das riskieren?

Oder wollte sie sich lieber nur am Rande des Waldes verstecken und den Sonnenaufgang abwarten, wenn genug Licht durch die dichten Baumwipfel drang, um ihr den Weg zu weisen? Doch dann, entschied sie, hätte sie gar nicht erst im Schutz der Dunkelheit aufbrechen müssen, sondern hätte das Morgengrauen in ihrem warmen Bett abwarten können.

Ihr wurde flau im Magen, und für einen kurzen Moment überlegte sie, ob sie sich nicht wirklich wieder in ihr warmes Bett verkriechen sollte. Doch dann dachte sie daran, was sie dort erwartete: der ewig gleiche Alptraum, der sie nun schon zehn Jahre verfolgte. Die einzige Möglichkeit, sich von diesem schrecklichen Traum zu befreien, lag vor ihr in den Tiefen des Waldes. Sie musste, musste, musste aufbrechen, um Jarne oder wenigstens Gewissheit über sein Schicksal zu finden.

Also zündete sie ihre Laterne an und betrat entschlossen den Wald.

Und stolperte direkt beim ersten Schritt.

Die Laterne glitt ihr aus der Hand, das Glas zersplitterte und das Licht erlosch. Mühsam richtete sie sich wieder auf und tastete um sich, konnte aber nichts spüren, was ihren Sturz hätte verursachen können. Es musste wohl die Nervosität gewesen sein, die sie hatte straucheln lassen.

Eigentlich hätte sie erwartet, dass sich ihre Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnen würden, doch während sie da auf dem Boden hockte, sah sie nichts als: schwarzes Nichts.

Dennoch gelang es ihr, ihre Sachen auf dem Boden zu finden und die Kerze ihrer Laterne wieder anzuzünden. Für einen kurzen Moment leuchtete ihre Umgebung hell auf und sie sah die Bäume um sie herum, die sich bedrohlich zu ihr herunter zu beugen schienen. Dann ging ein kurzer Wind, und ihre Kerze erlosch wieder. Ebenso beim zweiten und dritten Versuch, das Licht anzuzünden. Malin würde nichts anderes übrig bleiben, als ihren Weg im völligen Dunkel fortzusetzen. Kein schönes Gefühl, weil sie genau spürte, dass die Bäume sich gegen sie verschworen hatten.

Der Gedanke an die Nacht, in der ihr Bruder verschwunden war, und an die vielen Nächte danach, in denen sie schreiend aus dem Schlaf aufgeschreckt war, trieb sie dennoch voran. Mehr stolpernd als gehend bahnte sie sich ihren Weg durch die Büsche und über die Wurzeln der Bäume, die sich immer wieder um ihre Füße zu schlingen schienen.

Doch je weiter sie in den Wald vordrang, desto sicherer fühlte sie sich. Zuerst dachte sie, dass es an der grimmigen Entschlossenheit lag, mit der sie sich ihren Weg bahnte, aber dann merkte sie, dass die Dunkelheit um sie herum nicht mehr ganz so dunkel war, wie am Anfang ihres Weges. Paradox, wenn man bedachte, dass sie nun schon ein gutes Stück in den Wald vorgedrungen war.

Nachdem sie einige Stunden gegangen war, schien es ihr sogar, als leuchteten ihr kleine, unscheinbare Lichter den Weg, die hie und da plötzlich auftauchten und den Wald für einen kurzen Moment beleuchteten. Wie kleine Irrlichter, von denen sie in Büchern gelesen hatten. Aber wahrscheinlich lag es nur an ihrer Müdigkeit, dass sie sich solche Dinge einbildete.

Schließlich beschloss sie, dass sie weit genug vorangekommen war, um eine kleine Rast zu wagen. Nur ein paar Minuten wollte sie sitzen und etwas trinken, und dann bald wieder aufbrechen. Je schneller sie die Suche beenden und nach Hause zurückkehren konnte, desto besser.

Obwohl sie jetzt gar nicht mehr so genau wusste, was sie eigentlich so sehr zurück drängte. Diese seltsamen Lichter um sie herum waren doch alles anderes als furchteinflössend, und sie lachte leise über sich selber, dass sie sich solch eine Angst vor dem Wald hatte einreden lassen.

Malin suchte sich einen Baum, gegen den sie sich lehnen konnte. Merkwürdig, dachte sie noch, eben war es ihr noch so geschienen, als seien die Bäume ihre Feinde und jetzt hatte sie das Gefühl, als schmiege sich dieser Baum an sie, so dass sie schön gemütlich sitzen konnte. Als dann auch noch einige dieser lustigen Lichter näher kamen und um sie herum tanzten, erst langsam, dann immer schneller, dachte sie, jetzt schnappe sie völlig über.

Sie blinzelte mehrmals mit den Augen, um wieder eine klare Sicht zu bekommen, aber nun drehten sich die Lichter so schnell um sie herum, dass ihr ganz schwindelig wurde. Irgendwo in ihrem Unterbewusstsein hörte, nein, spürte sie noch so etwas wie die Warnung, dass sie vorsichtig sein müsse. Aber noch bevor sie diesen Gedanken zu Ende denken konnte, sank sie in sich zusammen. Bevor sie umkippte, wurde sie von den starken Ästen des Baumes aufgefangen, der sie fest hielt und sie hin und her wiegte, wie eine Mutter ein kleines Kind.

Sie schob den störenden Gedanken wieder zurück in ihr Unterbewusstsein und schloss die Augen, um sich ganz dem Gefühl der Geborgenheit zu ergeben. Und dann schlief sie ein, und schlief so gut, wie noch nie seit all den Jahren, die seit dem großen Brand vergangen waren.

...

...

...

Doch als sie wieder erwachte, fühlte sie nichts als den rauen, widerborstigen Baumstamm, gegen den sie lehnte, und sah um sich herum: glühende Augen, die sie mit ihren stechenden Augen anstarrten.

Malin sprang auf und griff nach ihrem Messer.


In diesem Sinne Euch einen schönen, friedlichen Rest-12. Dezember, ;-)!

So long,
Corinna

1 Kommentar:

  1. Wie für so manch anderen, geschmeidigen Text auf diesem Blog fällt mir ganz spontan ein: Keri Hilson - I like

    AntwortenLöschen

Liebe Frau_Mahlzahn!

LinkWithin

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...