06.12.10

Nikoläuse sind ein guter Mensch!


"Nikoläuse sind ein guter Mensch," meint Minka.

Und Recht hat sie.

*****

Bear with me, people, die Geschichte für Mutze wird sich am Ende zusammenfügen.


Trollwald
Von Frau_Mahlzahn*

2.

Als kleines Kind hatte Malin gerne die Geschichten gehört, die die Mutter abends am Kaminfeuer erzählte: von ihren Vorfahren, die sich vor vielen Jahrhunderten in diesem verlassenen Teil des Landes angesiedelt hatten. Es waren keine schöne Geschichten, wenn man es genau bedachte, dennoch war von ihnen ein Zauber ausgegangen, der Malin erschauern ließ. Oft hatte sie noch wach in ihrem Bett gelegen und sich in diese verwunschene Zeit zurückgeträumt.

Wie gerne wäre sie damals dabei gewesen.

Obwohl der lange Marsch ihrer Vorfahren sicher kein Waldspaziergang gewesen war.

****

„Es gibt keine Arbeit mehr und unsere Vorräte gehen zu Ende,“ sagte Redran zu seinem Schwager Rolfin, und schaute besorgt auf seine Frau, die auf dem Boden saß und ihren kleinen Sohn stillte. Aber sie war selber schon zu ausgezerrt, als dass sie dem Baby viel Milch hätte geben können. „Wir müssen etwas unternehmen.“

Rolfin seufzte, denn auch er wusste, dass sie in der Stadt keine Überlebenschance hatten, nicht in dieser angespannten Situation, in der alle am Hungertuch nagten und es keine Arbeit gab, mit der sie sich wenigstens das Nötigste hätten verdienen können. Keine ehrliche Arbeit, jedenfalls, aber es gab auch niemanden mehr, von dem sie etwas hätten stehlen können. Selbst die Reichen begannen deutlich abzumagern und auch auf ihren eingefallenen Wangen machte sich Verzweiflung breit.

„Warum verlassen wir nicht die Stadt und suchen uns irgendwo anders eine Zukunft?“, fragte Redran, doch Rolfin zuckte nur mit den Schultern.

„Wo sollen wir denn hin? Es ist doch im ganzen Land das Gleiche, überall hungern die Menschen.“

Er schaute zur Stadtmauer.

„Außerdem sind die Stadttore geschlossen, aus Angst vor Krankheiten und Plünderern lässt man niemanden mehr hinein. Oder hinaus.“

Außer die vielen Toten, deren Leichen am südlichen Stadttor gesammelt und einmal am Tag vor die Stadt gebracht und in großen Massengräbern begraben wurden.

„Wenn wir nicht gehen,“ drängte Redran, „werden wir bald selber auf einem der großen Leichenberge landen. Wir müssen fort von hier!“

Er kenne, erzählte er seinem Schwager, einen geheimen Gang, der aus der Stadt herausführe. Er habe ihn damals entdeckt, als er vor dem großen Krieg gegen die feindlichen Truppen des Garibor geholfen hatte, die Stadtmauer auszubessern und zu festigen.

Das waren gute Zeiten gewesen damals, denn König Torawald hatte den Männern gutes Geld für ihre schwere Arbeit gezahlt. Doch dann war der Krieg gekommen und mit ihm die Not und das Elend.

Der König war schon im ersten Kampf gefallen, seitdem regierte Garibor das Land, ein schrecklicher Herrscher, der seine Untertanen ausbeutete, und ihnen unter strenger Strafe verbot, ihre Wohnorte zu verlassen. Seine Soldaten kontrollierten die Tore der Stadt, und selbst wenn es jemandem gelang, die Stadt zu verlassen, wurde er sicher bald von den Soldaten gefangen, die die Straßen kontrollierten.

Redran zerbrach fast unter der Hilflosigkeit, zu der er verdammt war, denn er konnte den Anblick seiner hungernden Familie nicht mehr ertragen. Auch wenn er genau wusste, dass sie auch auf dem Land kaum eine Chance haben würden, sich ein neues Leben aufzubauen, redete er doch immer wieder auf Rolfin ein, dass sie es wenigstens versuchen mussten. Wenn sie schon sterben müssten, erklärte er ihm, so wäre es doch wenigstens besser, seine Angehörigen selber begraben zu dürfen, als sie wie ein Stück Vieh auf einen der Leichenberge zu werfen. Schließlich willigte Rolfin ein.

Es dauerte einige Tage, bis sie alle Vorkehrungen getroffen hatten. Sie hatten zwar nur wenig Proviant auftreiben können, aber doch wenigstens einiges an warmer Kleidung und Decken zusammengetragen. Außerdem war es Redran gelungen, in der Schmiede, in der er früher gearbeitet hatte, etwas Werkzeug, einige Pfeile und einen Bogen zu entwenden.

Sie brachen im Schutz der Dunkelheit auf und schlichen durch den kleinen Geheimgang. Redran führte die kleine Gruppe an, ihm folgte seine Frau Sophia, die ihren Sohn Wolfran fest in den Armen hielt. Rolfin trug seine Tochter Maran, hinter ihnen stolperten seine Frau Marla und sein Sohn Tristof durch das Dunkel. Es kam ihnen vor wie eine Ewigkeit bis sie endlich das Ende des Ganges erreichten. Redran ging langsam vor und kam nach wenigen Minuten wieder zurück.

„Wir sind schon am Waldrand, die Stadtmauer ist kaum noch sehen. Seid trotzdem leise, wer weiß, wie weit man unsere Stimmen hören kann.“

Aus Angst, doch noch entdeckt zu werden, wagten sie es nicht, eine Fackel zu entzünden, und stolperten durch den Wald, bis es langsam Morgen wurde. Sie waren alle leichenblass und müde. Doch nach einem kargen Frühstück drängte Redran sie schon weiter, denn sie mussten so schnell wie möglich einen sicheren Ort finden, an dem sie bleiben konnten. Er ermahnte sie, unterwegs möglichst viele Beeren und Pilze zu sammeln, um so ihre Vorräte aufzufrischen. Auch nahm er sich vor, am Abend auf die Jagd zu gehen, damit sie bald etwas Kräftiges zu essen bekamen.

Viele Wochen zogen sie durch das Land, eine mühsame Reise, besonders da sie immer im Schutz des Waldes bleiben mussten, um Garibors Truppen zu umgehen. Wenigstens bot ihnen der Wald die Nahrungsmittel, auf die sie angewiesen waren. Viel fanden sie nicht, denn auch der Wald schien unter der strengen Herrschaft von König Garibor zu leiden. Nur selten fanden sie Beeren oder Pilze, und auch die Tiere machten sich rar, manchmal erschien ihnen der Wald wie ausgestorben.

Gelegentlich konnte Redran einen mageren Hasen oder ein Fuchs erlegen, doch sie waren dankbar für jeden Bissen. Es war immer noch mehr, als sie in der Stadt zu essen gehabt hatten. Wolfran, um dessen Überleben sie in der Stadt gebangt hatten, weil Sophia nicht genug Milch für ihn gehabt hatte, begann sogar ein wenig an Gewicht zuzunehmen.

Die Sorgen um die Zukunft aber blieben.

Inzwischen begannen sich die Blätter an den Bäumen zu verfärben, und immer noch hatten sie keinen Ort gefunden, an dem wenigstens für die Dauer von Herbst und Winter hätten bleiben können. Roflin wurde immer missmutiger, und Redrans Versuche, in aufzumuntern blieben unbeachtet. Auch Sophia sagte ihrem Bruder, dass es sicher noch schlimmer um sie stünde, wenn sie in der Stadt geblieben wären, doch er wollte nicht auf sie hören. Immer häufiger kam es vor, dass er sich von ihnen abwandte und einfach nur vor sich hin starrte. Noch nicht einmal Marla konnte ihn überzeugen, dass es trotz allem die richtige Entscheidung gewesen war, ihr Glück wenigstens zu versuchen. Am Ende sprach er mit niemandem mehr.

Als sie eines Morgens aus einem unruhigen Schlaf erwachten, war Rolfin verschwunden, und mit ihm Maran und Tristof. Redran wollte sich alleine auf die Suche nach ihnen machen, doch Marla ließ sich vor lauter Sorge um die drei nicht beruhigen, so dass sie schließlich gemeinsam aufbrachen. Die Spuren führten sie immer tiefer in den Wald hinein, und je dichter das Unterholz wurde, desto leichter fanden sie die umgeknickten Büsche und abgebrochenen Zweige, die zeigten, dass jemand dort gegangen war. Zudem waren die Bruchstellen ganz frisch, Rolfin und seine Kinder mussten also erst vor kurzem hier gewesen sein.

Sie waren schon einige Stunden gegangen, als sie zu einer großen Lichtung kamen und voller Verwunderung sahen, dass auf der großen, saftigen Wiese Kühe, Schafe und Ziegen weideten. In der Mitte der Lichtung stand eine Hütte, vor ihr scharrten ein paar Hühner in der Erde. Die Lichtung war ringsum von dicht beieinander stehenden Bäumen umgeben, nirgends konnte man eine Straße oder auch nur einen Pfad erkennen, der zu ihr führte. Noch nie hatten sie so einen friedlich wirkenden Ort gesehen.

Dennoch mussten sie vorsichtig sein. Redran bedeutete Marla und Sophia, sich im Dickicht zu verstecken, während er langsam auf die Hütte zu schlich. Doch außer den Tieren regte sich nichts. Vorsichtig schaute er durch die Fenster, doch auch innen konnte er niemanden entdecken. Tatsächlich sah es so aus, als habe schon lange niemand mehr dort gewohnt. Er ging weiter zur Tür, die schief in ihren Angeln hängte und sich nicht öffnen ließ. Hier war seit langem kein Mensch mehr gewesen.

Auch Rolfin, Maran und Tristof mussten diese Lichtung passiert haben und wieder in den Wald verschwunden sein. Doch so sehr Redran den Waldrand mit den Augen absuchte, die einzigen Spuren, die er fand, waren an der Stelle, an der auch er aus dem Wald gekommen war. Und Roflin konnte seine Kinder nicht dort wieder in den Wald zurückgeführt haben, denn dann hätten sie ihn entweder treffen oder weitere Spuren finden müssen.

Er ging zurück zu Sophia und Marla und erzählte ihnen, was er entdeckt hatte. Sie beschlossen, dass die Frauen mit Wolfram in ihrem Versteck bleiben sollten, während er gründlich nach weiteren Spuren suchte. Sie sahen ihm hinterher, als er wieder in den Wald verschwand.

Und danach sahen sie ihn nie wieder.


In diesem Sinne Euch einen schönen Nikolaustag!

So long,
Corinna

*Meine Geschichte.

Kommentare:

  1. da hat sie recht! unserer war sogar so gut, dass er gleich 2x was gebracht hat o.O

    Und die Geschichte: Toll, gefällt mir!!

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Liebe Frau_Mahlzahn!

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