06.04.11

Weiter geht's


Viel los hier in letzter Zeit und viel zu tun, trotzdem geht es jetzt endlich weiter:

Trollwald

Eine hoffentlich recht lässige Geschichte in mehr als 8 Kapiteln

Von Frau_Mahlzahn

14.

Seine Mutter? Malin blieb abrupt stehen, wurde aber sofort von den Trollen weitergerissen. Sophia? Wenn Justof wirklich Redrans Sohn war – und sie würde sich zur Zeit über nichts mehr wundern – dann musste Sophia seine Mutter sein.

Aber sie konnte sich aus den Geschichten, die ihre Eltern ihr früher abends am Kaminfeuer erzählt hatten, nicht daran erinnern, dass Redran und Sophia einen Sohn namens Justof gehabt hatten. Oder dass sie ihm in den Wald gefolgt wäre. Mit ihrem Baby Wolfram war sie zurückgeblieben und hatte jahrelang auf die Rückkehr ihres Mannes gewartet, aber die Hoffnung schließlich doch aufgegeben. Als viele Jahre später andere Menschen die Lichtung entdeckten und sich dort ansiedelten, hatte sie mit einem der Siedler eine neue Familie gegründet. Auch, wenn es ihr das Herz gebrochen haben musste, Redran endgültig verloren zu geben.

Malin hatte nicht mehr viel Zeit darüber nachzudenken, denn sie merkte, dass sich bei den Trollen etwas tat. Ihre Körper streckten sich und sie nahmen Haltung ein. Gleich würde also etwas geschehen. In all der Dunkelheit bemerkte sie vor sich ein flackerndes Licht, auf das sie zugingen. Diesmal kam es aber nicht von den Irrlichtern, obwohl es ähnlich unruhig flackerte. Aber erst als sich vor ihnen die Bäume und Büsche langsam auseinander bogen und den Weg zu einer kleinen Lichtung frei gaben, sah sie, dass das Licht von einem großes Feuer ausging, das in der Mitte der Lichtung brannte. Undeutlich sah sie aus der Mitte des Feuers eine Art Gerüst herausragen, auf dem eine schimmernde Gestalt saß. Funken flogen um sie herum und die Flammern loderten bis nah an den Sitz heran, doch der Gestalt schien dies nichts auszumachen.

Hinter sich hörte sie Jarne leise schluchzen.

Erst als sie die Lichtung betraten, konnte Malin die Gestalt genauer sehen. Es war eine Frau – doch wenn sie tatsächlich Justofs Mutter sein sollte, dann war sie sicher nicht Sophia! Sie hatte langes, hellblondes Haar und eine hauchdünne Haut, durch die man selbst im unruhigen Flackern des Feuers alle Adern und Venen hindurch schimmern sehen konnte. Sie war groß und trug ein nahezu durchsichtiges, wallendes Kleid mit weiten Ärmeln, dem die Flammen nichts antaten. Die Augen waren tiefgrün und leuchteten im Schein des Feuers. Man hätte fast durch sie hindurch schauen können, hätten ihre glühenden Augen nicht alle Blicke fest an sich gezogen und fixiert.

Malin fühlte sich aufgesogen und obwohl ihre Schritte bis eben noch schwer gewesen waren, so hatte sie jetzt den Eindruck, dass sich ihr Körper und ihre Seele ganz zu dieser leuchtenden Gestalt drängten. Doch ganz so, wie es vorher bei Justof gewesen war, spürte sie instinktiv, dass sie diesem Drang nicht nachgeben durfte. Sie riss ihren Blick los und schaute auf den Boden – auch wenn es ihr schwer fiel.

Neben ihr ließen sich die Trolle auf den Boden fallen und huldigten der Gestalt in einer demütigen Geste. Als sie sah, dass Jarne es ihnen gleichtat, sank auch sie auf die Knie. Nur Justof stand noch, doch als die Frau ihre Stimme erhob und scharfe Worte an ihn richtete, ließ er sich langsam sinken. Den Blick ließ er provozierend auf der schimmernden Gestalt ruhen, sie konnte ihm keine Furcht einjagen.

Sie begannen ein Gespräch, doch Malin konnte kein Wort verstehen. Sie hatte diese Sprache noch nie gehört und sie klang seltsam in ihren Ohren: einige Worte klangen sehr scharf und abgehakt, dann wieder konnte sie sanft und melodiös wirken. Sie konnte nur vermuten, dass die beiden über irgendetwas stritten und zwischendurch immer wieder versuchten, den jeweils anderen durch einschmeichelnde Worte umzustimmen. Sie konnte aber nicht nachvollziehen, worum es wohl gehen mochte.

Bald konnte sie sich nicht mehr konzentrieren und driftete ab. Es fiel ihr schwer, sich aufrecht zu halten und sie begann zu schwanken. Dabei berührte sie die Schulter ihres Bruders, der neben ihr kniete, und merkte, dass er sich ganz verkrampft hatte. Als sie zu ihm sah, sah sie Tränen, die über sein Gesicht liefen. Worüber Justof und seine… Mutter auch sprechen mochten, Jarne jagte es große Angst ein. Malin griff nach seiner Hand und er schaute dankbar zu ihr herüber.

Erst als die Stimme der Frau lauter und schärfer wurde, merkte Malin, dass jetzt sie angesprochen war. Es dauerte einen weiteren Moment bis ihr bewusst wurde, dass die Frau nun in Menschensprache sprach.

„Warum bist du in unseren Wald gekommen und störst unsere Ruhe?“

Die Worte passten nicht zur Sprachmelodie und Malin musste sich sehr konzentrieren um zu verstehen, was sie sagte.

„Warum bist du in unseren Wald gekommen und störst unsere Ruhe?“, wiederholte sie.

Malin wusste nicht, was sie auf diese Frage antworten sollte und sah fragend zu Justof. Der zuckte aber nur mit den Schultern und sagte: „Antworte ihr einfach.“

„Ich bin gekommen, meinen Bruder zu suchen.“

Die Frau fauchte.

„Er ist uns vor vielen Jahren von den Trollen genommen worden, und ich konnte es nicht mehr länger ertragen, nicht zu wissen, was mit ihm geschehen ist.“

„Dieser Jämmerling,“ – dieses Wort spuckte sie förmlich aus – „ist dein Bruder?“

Neben ihr sackte Jarne immer mehr in sich zusammen und Malin drückte seine Hand fester, um ihm Mut zu machen.

„Er ist mein Bruder und ich möchte ihn wieder mit nach Hause nehmen.“

„Warum kommst Du jetzt?“

Das war eine gute Frage, auf die Malin keine Antwort wusste. Warum hatte sie nie wieder den Mut gefunden, in den Wald zu gehen und Jarne zu suchen? Wie hatte sie damit leben können, dass ihre Eltern Jarne so leicht aufgegeben und keine Anstrenung unternommen hatten, ihn zu suchen? Und was hatte sich seit ihrem Traum vor einigen Tagen geändert? Ihre Albträume waren schon immer unerträglich gewesen, warum hatte sie vorher nie den Beschluss gefasst, etwas zu unternehmen? Warum hatte sie sich erst jetzt durchringen können, ihr Dorf zu verlassen und in den Wald zu gehen?

„Denke nach!“, herrschte die Frau sie an.

Etwas in ihrer Stimme verriet Malin, dass die Antwort von Bedeutung sein müsse. Doch sie konnte sich beim besten Willen an keinen besonderen Impuls erinnern, der sie dieses Mal zum Aufbruch bewogen hatte.

Nur, dass sie es einfach nicht mehr länger ausgehalten hatte.

„Denke nach!“, schrie die sonderbare Gestalt, doch als Malin nur hilflos die Schultern zuckte, wies sie die Trolle durch eine rasche und abfällige Handbewegung an, sie zu ergreifen und fort zu bringen. Sprachlos sah Malin dabei zu, wie sie Feuer fing und sich in wenigen Sekunden in Rauch auflöste. Als sich der Rauch verzogen hatte, erstickte auch das Feuer, und um sie herum war wieder alles dunkel.

Sie spürte, wie die Trolle sie packten, doch bevor sie ihre dicken Pranken abschütteln konnte, zerrten sie sie mit sich. Sie konnte noch nicht einmal erkennen, was mit Jarne und Justof geschah, und schrie, und schrie, und schrie.

Doch niemand antwortete ihr.


In diesem Sinne!

So long,
Corinna

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Liebe Frau_Mahlzahn!

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