24.07.13

Auch ein Beinbruch ist kein Beinbruch...

Als ich heute an der Bushaltestelle stand, saß einige Meter weiter eine rüstige ältere Dame im Schatten und rauchte genüsslich ein Zigarettchen. Dann stand sie auf und kam auf mich zu. Neben mir blieb sie stehen, zeigte auf mein Gipsbein und lachte mich freundlich an:

"Als ich 70 war, hatte ich auch so einen Gips. Das war auch im Sommer, und es war so heiß. Aber besser im Sommer als im Winter."

"Richtig," antwortete ich erstaunt, "endlich sagt das mal jemand!"

Denn mal ehrlich, hohe Temperaturen hin oder her: Wenn man sich schon was brechen muss, dann ist der Sommer kein schlechter Zeitpunkt.

Wer will schon bei Glatteis auf Krücken gehen?

Oder ständig dicke Socken über den Gips ziehen, nur damit die Zehen trotzdem frieren? Ganz zu schweigen davon, dass man dann entweder Hosen zerschneiden muss, um sie über den Gips anziehen zu können -- oder (*gasp*) sechs Wochen lang Jogginghosen tragen muss!

Ich meine, das geht ja mal gar nicht!

Und bei den derzeitigen Temperaturen macht der Gips auch nur noch einen graduellen Unterschied. Wirklich tragisch ist das aber nicht.

"Ich hatte damals Glück," sagte die Dame dann, "denn da waren gerade diese Schuhe mit dicken Sohlen modern, da waren dann beide Füße auf gleicher Höhe."

"Das war sicher bequemer," meinte ich (und überschlug im Kopf, dass die Dame somit ungefähr Mitte 80 sein dürfte), "mit den dünnen Sohlen heute hat man da wirklich ein bisschen eine Schieflage."

"Nachts habe ich mir immer einen Nylonstrumpf über den Gips gezogen, damit das Bett nicht schmutzig wurde. Der Gips war ja ganz dreckig, weil ich damit überall herumgegangen bin," fuhr sie fort.

"Das ist heute besser," antwortete ich und zeigte auf meinen klobigen eleganten Überschuh, "heute bekommt man so einen Schuh, den kann man dann über den Gips ziehen, wenn man das Haus verlässt."

"Oh," freute sie sich, "das ist wirklich gut."

Sie dachte ein bisschen nach und zwinkerte mir zu: "Man muss auch immer die andere Seite sehen und auf das bessere schauen. Um sich selbst ein bisschen zu trösten!"

Dann verabschiedete sie sich freundlich und ging weiter.
...

...

...

Was soll ich sagen: ich fand sie super! Endlich mal jemand, die das genauso sieht wie ich.

Ein Beinbruch ist ja schließlich kein Beinbruch!

Man hat selber die Wahl, wie man etwas sehen will -- große Verzweiflung oder mit den Gegebenheiten leben und das beste draus machen.

Man kann sich komplett zurückziehen oder trotzdem durch die Gegend humpeln.

Man kann jammern -- oder man kann es auch einfach sein lassen.

Mir ist die jeweils zweite Variante die liebere.

So long,
Corinna

Kommentare:

  1. ... warum freue ich mich jetzt für Dich, dass Du einen Gips hast? ;-p
    (denn sonst hättest Du dieses nette gespräch nie geführt! ;-) )

    Ansonsten natürlich trotzdem weiterhin gute Besserung ;-)

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  2. Aber jammern macht doch trotzdem Spaß, wenigstens ein bisschen. Blöd wäre natürlich, wenn man bei seinen Lieben damit auf Granit beißt :)

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  3. Genau die richtige Einstellung! Tolle Oma, könnte mein Opa sein!
    ;)
    LG Petra

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  4. Soo süß die ältere Dame! Ich liebe solche Dialoge mit älteren Menschen... sie sind eine Bereicherung mit ihren Lebensweisheiten.
    Eine schnelle und gute Besserung wünsche ich Dir!

    LG
    Ayse

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Liebe Frau_Mahlzahn!

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