17.05.18

Schritt für Schritt vom Century Park in den Central Park...


Vor ein paar Tagen wurde mir bewusst, dass es nur noch knapp ein Monat ist, bis der Mo und ich für drei Wochen nach Amerika fahren.

Erst nach Washington, D.C., zu den Finals des National History Day Wettbewerbs, in dem er und seine Klassenkameradin unter den teilnehmenden amerikanischen Schulen in China den ersten Platz für ihre Kuba-Krise-Doku bekommen haben.

Danach geht's nach Boston, nach New York und auf dem Heimweg verbringen wir noch ein paar Tage in San Francisco.

Und da fiel doch mein Blick auf meine neuen Jogging Schuhe, die ich mir bestimmt schon vor sechs Wochen in bester Absicht gekauft, aber noch nie benutzt habe, und ich dachte mir, ey, in ein paar Wochen könntest Du durch den Central Park joggen, wie cool wäre das denn?

Aber da würde ich dann auch gerne ein gutes Bild abgeben und nicht schon nach 500 Metern erschöpft auf der nächsten Bank niedersinken...

Zur Vorbereitung ziehe ich jetzt also morgens fröhlich meine Runde durch Shanghais Century Park, der macht nämlich auch richtig was her...









Für'ne ganze Runde reicht's noch nicht, vor allem, weil es überall so viel zu sehen gibt. 

Aber es wird.

Die ganze Aktion dient übrigens dem Zweck, dass ich das nächste Mal, wenn ich einen Film schaue, in dem jemand durch den Central Park joggt, sagen kann: Pah, das habe ich auch schon mal gemacht! 

Man muss halt ein Ziel im Auge haben, ;-).

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Euch wünsche ich einen wunderschönen Tag!

Cheers,
Corinna


03.05.18

Ich versteh' (immer noch) nur Chinesisch!


Mein Chinesisch war ja noch nie sonderlich berühmt, aber in Shanghai ist es definitiv nicht besser geworden. Um nicht zu sagen, deutlich schlechter.

Die Uni hier hatte ich ja -- nach einem zugegebenermaßen grammatikalisch und aussprachlich ziemlich desaströsen aber inhaltlich lustigen Vortrag, den ich für die Zwischenprüfung vorbereitet hatte -- abgebrochen, weil ich nicht sonderlich zufrieden mit dem Unterricht dort war.

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Der Vortrag ging ungefähr so:

Ich hatte niemals vor, nach China zu ziehen und schon gar nicht, jemals Chinesisch zu lernen, und hatte sogar meinem Mann einen Vogel gezeigt, als er mich fragte, ob ich mir vorstellen könne, für ein paar Jahre hier zu leben. 

Nachdem er mich dann doch hatte überreden können, musste ich wohl oder übel (versuchen) die Sprache zu lernen, denn ich sei nun mal der Meinung, dass das bei einem Umzug ins Ausland Pflicht sei: es diene der besseren Integration, man mache bessere und lustigere Erfahrungen, erfahre mehr über Menschen, Land und Kultur, außerdem erleichtere es das Leben ungemein. 

Und natürlich sei es vor allem eine Sache des Respekts. 

Nur dummerweise gelte das ja nun auch für mich.

(Hochmut kommt halt doch vor dem Fall. Was ich aber im Vortrag nicht gesagt habe, weil ich gar nicht wüsste, wie man das am besten übersetzt.)...

Was ich, fuhr ich aber fort, nicht bedacht hatte, war dass ich mich ziemlich schwer mit Sprachen tue -- Englisch könne ich ganz gut, aber ich sei ja sogar an Französisch und Italienisch gescheitert

(Bitte! Wer kann denn an Italienisch scheitern!?). 

Wie ich da auf das schmale Brett käme zu denken, mit Chinesisch würde es mir leichter fallen, sei mir auch ein Rätsel. 

Und wenn ich schon im Französischen Accent d'aigu und Accent de graphe nicht auseinanderhalten könne, wie solle ich denn da die Töne im Chinesischen jemals lernen -- die hören sich für mich doch alle gleich an!

Mittlerweile hätte ich ja schon wirklich viel versucht -- Sprachkurse, Schreiben und Lesen lernen, überall zu Hause hingen Post-It Notes mit Vokabeln, ich hätte unzählige Leselernbücher, und weil ich soundso jeden Tag kochen müsse, hätte ich es sogar schon mit chinesischen Kochbüchern versucht, und ich sei so viel wie möglich alleine unterwegs, um in Situationen zu kommen, in denen ich Chinesisch sprechen muss.


Dass nichts davon wirklich gefruchtet habe, sei ja nun deutlich zu ... hören, aber aufgeben gälte leider auch nicht.

Allerdings sei ich inzwischen der Meinung, dass die Uni vermutlich doch nicht der richtige Ort für mich sei, sondern ich meine Zeit noch mehr dafür nutzen müsse, unterwegs zu sein und Leute kennen zu lernen, mit denen ich sprechen könne -- weshalb ich (mit einem entschuldigenden Nicken zum Dozenten) nun für eine Weile nicht mehr zum Unterricht kommen könne...

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Auf das Referat hatte ich sogar eine gute Note bekommen (ich hatte sogar daran gedacht, möglichst viele der neuen Redewendungen, die wir gelernt hatten, unterzubringen!), und eigentlich wollte ich ja auch nur eine Woche oder so vom Unterricht fernbleiben, aber wie das so ist... ich bin nie mehr dort aufgetaucht.

Aber obwohl ich mittlerweile wirklich so viel unterwegs war, dass ich mich in Shanghai schon recht gut auskenne, komme ich hier gar nicht so oft dazu, Chinesisch zu sprechen.

Denn entweder sprechen die Leute hier sehr gutes Englisch und wollen lieber das sprechen. 

Oder sie sprechen Shanghainese, einen Dialekt, von dem ich kein einziges Wort verstehe und der sich noch nicht mal anhört wie Chinesisch!

Irgendwie echt öd.

Trotzdem versuche ich es weiter und will zumindest das Schreiben und Lesen nicht verlieren. Denn eigentlich sind die Schriftzeichen richtig cool -- ich finde es sogar leichter als die Aussprache, haha!

Zur Zeit lese ich mal wieder ein (sehr, sehr, sehr simples) Buch, und merke erfreut, dass ich die meisten Schriftzeichen noch erkenne, und wenn nicht, dann doch wenigstens den Sinn des Satzes erfassen kann.

Jetzt muss ich nur wieder ans Sprechen kommen!

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Euch wünsche ich einen schönen Tag!

So long,
Corinna

25.04.18

Tote Hose, irgendwie...


Drei ganze lange Wochen lang lag bei mir nichts Dringendes an -- ein paar Terminchen hier und da, aber nix zeitaufwändiges und schon gar nichts wichtiges, also:

Drei lange Wochen stand nichts Wichtiges an, und was wollte ich die Zeit nicht alle nutzen, um so richtig coole Sachen zu machen...

Ausflüge machen, neue Führungen ersinnen, bestehende ergänzen, die Archive unsicher machen und recherchieren und überhaupt meine Zeit ganz lässig produktiv nutzen...

...

...

...

Genau.

Har har har.

...

...

...

Jetzt sind die drei Wochen bald vorbei und so ziemlich das Aufregendste, was passiert ist, ist dass ich endlich einmal einen richtig tollen Ofo-Flitzer hatte, der so toll gefahren ist, dass ihn gar nicht mehr hergeben wollte.


Nein, ich mein, jetzt mal echt, so.

Es sieht vielleicht nach nix aus, aber das endlich war mal ein Leihfahrrad, mit dem man auch richtig schnell von der Stelle gekommen ist, und ich habe tatsächlich darüber nachgedacht, es gut irgendwo zu verstecken, so dass es niemand anderes ausleihen kann...

(Ja. Glaubt mir. Das war wirklich so ein phänomenales Ereignis, dass es hier Erwähnung findet. In den letzten Monaten hatte ich nämlich fast immer nur kaputte Räder oder welche, die schon so zerschlissen waren, dass man immer meinte, man würde gerade in einem heftigen Sturm gegen den Wind fahren...).

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Was auch so richtig cool war letzte Woche, war dass Minka und ich einen schulfreien Tag nutzen konnten, um endlich mal Disneyland Shanghai auszukundschaften. Als Scouts, sozusagen, für zukünftige Besucher.

Und, weia, war das lustig!

Wir haben zwar, obwohl es unter der Woche war und wir ganz China entweder bei der Arbeit oder in der Schule vermutet hatten, doch immer ganz schön lange anstehen müssen, aber es hat sich jedesmal wirklich gelohnt und wir hatten einen klasse Tag!

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Ein absoluter Tiefpunkt meiner freien Tage war vorgestern, als ich mich endlich aufgerafft hatte, die Zugangsberechtigungen für das Archiv des Shanghaier Municipal Council in Erfahrung zu bringen.  

Wobei ich schon irgendwie gehofft hatte, dass sie es nicht so eng sehen und auch Privatpersonen den Zugang erlauben...

...

...

...

Tun sie aber nicht, man braucht eine Uni im Rücken, die einen Forschungsantrag stellt.

Über den Vorraum bin ich also nicht hinaus gekommen...

Macht nix, dachte ich, mein wahres Erkenntnisinteresse ist ja eigentlich eh ein anderes, gehe ich halt statt hochoffiziell ins Archiv einfach in die Shanghai Library und schau mal, was die so haben, denn das ist auch nicht schlecht...

Dort war es auch eine wahre Freude, in alten Ausgaben der Shun Pao zu blättern, auch wenn ich kaum etwas entziffern konnte. Da ich genau wusste, nach welchen Daten ich suche, hatte ich gehofft, die Überschriften nach Schlagwörtern skimmen zu können, aber das war alles so klein gedruckt und unübersichtlich, dass ich gar nichts entziffern konnte. Leider war selbst auf den wenigen Bildern kaum etwas zu erkennen...

(Werbung gab es in der Zeitung aber wirklich viel, und es wäre mal sehr spannend, sie mit der Werbung in den englisch-sprachigen Zeitungen zu vergleichen...).

Ja, also, der Tag war dann ja mal so richtig für die Katz.

Und geregnet, aber so richtig wie aus Kübeln, hat es auf dem Nachhauseweg auch.

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Dafür war aber heute ein richtiger Volltreffer: denn ich habe endlich die heiligen Hallen einer der ältesten noch bestehenden Bibliotheken Shanghais ausgemacht...


... und beim Stöbern in alten Zeitungen genau die Informationen gefunden, die ich suche!

Mit dem Material lässt sich definitiv noch mehr Farbenpracht in die Führungen bringen -- meiner Bund-Führung könnte ich damit zum Beispiel noch einen wirklich interessanten Twist geben, um es noch mal deutlich spannender zu machen...

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Neue Orte habe ich in letzter Zeit weniger erkundet, dafür aber einige Führungen für Bekannte gemacht: Die Restricted Area for Stateless Refugees, den Bund, die Badlands, und meine Lieblingsgegend in der ehemaligen französischen Konzession. 

Ich fürchte, dass die nächsten Wochen echt dicht gepackt sein werden, so dass ich an neuen Führungen wohl erst im Herbst wieder werde basteln können...

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Wie man sieht, wird es eh Zeit, dass mein Terminkalender wieder voller wird -- je mehr anliegt, desto besser nutze ich meine Zeit, freu' mich mehr auf die Tage, die ich zur freien Verwendung habe und unternehme mehr...

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(Ja, die Hosen waren auch gerade in China, und irgendwie hätten wir ja vorgehabt, zum Festival in Beijing zu fahren, aber dann ist es doch spurlos an uns vorbei gegangen...)

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Euch wünsche ich noch einen schönen Tag!

So long,
Corinna


17.04.18

Die längste Theke des Ostens


Immer historisch unterwegs, haben Mutze und ich kürzlich mal die ehemals längste Theke des Ostens ausgecheckt.

Was nicht weiter schwer fiel, weil sie eh direkt am Bund ist, im ehemaligen britischen Shanghai Club,  in dem die Sitzreihenfolge an der Theke streng hierarchisch war -- je reicher und etablierter, desto weiter am oberen Ende der Theke der Sitzplatz.

Reichlich "stuffy" soll es da in diesem Club gewesen sein, britisch halt, und ich frage mich, was die feine Gesellschaft gesagt hat, als sich Shanghai von einem gediegenen Ort für feine Herrschaften in den 20ern, 30ern, und 40ern eher in ein Sodom und Gomorra verwandelte -- oder schlimmer noch, denn wie es mal ein Missionar ausdrückte: in Shanghai werde man das Gefühl nicht los, dass Gott Sodom und Gomorra eine Entschuldigung schulde...

Egal, im Shanghai Club ging es zwar durchaus unmäßig, aber doch immerhin gediegen zu, an der Theke wollte jedenfalls jeder mal gesessen haben. 

So auch Mutze und ich.


Und nichts symbolisiert aus meiner Sicht die bewegte Geschichte dieser ehemals längsten Theke des Ostens so sehr wie dieser etwas absurde aber doch sehr leckere "Colonel Sanders Margarita":

Gegründet wurde der Shanghai Club 1911, und hier durchlebten die Reichsten der Reichen die goldenen Jahrzehnte Shanghais bis mit dem Ausbruch des Sino-Japanischen Krieges die legendere Ära den Bach runterging. 

(Dass sich China auch vorher schon in ziemlichem politischen Chaos inklusive blutigster Auseinandersetzungen zwischen Nationalisten und Kommunisten befand, hatte man getrost ignoriert, wen interessierte das denn schon?)

Nachdem 1941 Japan mit dem Angriff auf Pearl Harbor keinen Grund mehr hatte, die internationalen Settlements zu verschonen, vertrieben die japanischen Besetzer die Briten und nahmen selber an der Theke Platz.

Nach kurzen Zwischenspielen zwischen 1945 und 1956 öffnete der Shanghai Club seine Türen wieder für die internationalen Seeleute, deren Frachtschiffe Shanghai anliefen, bis 1971 das Dong Feng Restaurant dort eröffnete, das viele Shanghaier, unter anderem auch eine liebe Freundin von mir, noch in guter Erinnerung hat.

1988 fuhr Colonel Sanders seine scharfen Krallen in Shanghai ein, riss die Theke schlichtweg ab und eröffnete das erste Kentucky Fried Chicken Restaurant Shanghais in diesen ehemals gediegenen Hallen.*

Da bestätigt sich ja irgendwie so ziemlich jede Vorurteil gegen die Kulturbarbaren, das man so haben kann, *hüstel*...

Zum Glück für uns wurde die Theke aber 2011 anlässlich des 100-jährigen Bestehens wieder restauriert, und, ja, wieder recht gediegen... wir haben uns jedenfalls sehr wohl und lässig an der Bar gefühlt und die Atmosphäre sehr genossen.

Und das Bezahlen der Rechnung war Dank der Happy Hour auch nicht ganz so schmerzhaft wie befürchtet.

Wenn Ihr mal in Shanghai seid und Lust auf einen Drink habt... Let me know!

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Euch wünsche ich einen schönen Tag!

Cheers, 
Corinna

*Nachtrag: Hat mir doch eben gerade ein shanghainesischer Bekannter tatsächlich erzählt, dass er in genau diesem KFC sein erstes Fried Chicken gegessen habe!

11.04.18

DIY: Shanghai erleben


Als ich zum ersten Mal und in relativer Unkenntnis der Geschichte dieser Stadt, ach, überhaupt der chinesischen Geschichte, nach Shanghai kam, hat mich der Bund, eine der berühmtesten Touristenattraktionen, ziemlich irritiert.

Klar war das toll, sich durch die Menschenmassen zu schieben und über den Fluss auf das hellerleuchtete LiuJiaZui mit seinen lässigen Hochhäusern und dem Pearl Tower zu schauen.

Was aber genau diese komischen, massiven, pompösen und absolut un-chinesischen Prunkbauten hinter uns sollten, hatte sich mir damals noch nicht so recht erschlossen. Und wirklich schön finde ich sie auch nicht gerade.

Dass ich, egal wie oft ich durch meine Fotos scrolle, kein vernünftiges Bild vom Bund finde, sagt ja schon alles, ungeliebtes Stiefkind halt.

Selbst nachdem ich angefangen hatte, mich mit der Geschichte zu beschäftigen, hat sich mein Verhältnis zum Bund erst mal nicht verbessert, steht er doch in meinen Augen für Ausbeutung und gröbste Kolonialattitüden.

Pah!

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Aber das kann man dann ja so auch nicht da stehen lassen.

Also bin ich der Sache mal genauer auf den Grund gegangen, habe ein wenig in meinen Geschichtsbüchern und Stadtführern gewühlt, einige Ausflüge zum Bund gemacht, bin die Straße rauf und runter gelaufen...

...

...

...und nach einem entspannten Abend in einer der grandiosen Bars am Bund beschlossen, dass auch diese Ecke der Stadt durchaus seinen Charme hat.

Und wenn man diese Stadt verstehen will, führt nun mal kein Weg am Bund vorbei.

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Aber was ist denn jetzt genau der legendäre Bund, den alle, die nach Shanghai kommen, sehen wollen?

Der Bund ist eine direkt am Huang Pu gelegene Straße und Teil eines Gebietes, das den Briten zugesprochen wurde, nachdem sie den Opiumkrieg gewonnen und China mit dem Vertrag von Nanjing so richtig abgezockt hatten.  Während die Chinesen vorher den In- und Auslandshandel streng reguliert hatte, konnten die Westler (die anderen Länder sprangen schnell auf den fahrenden Zug) von nun an in ausgewählten Hafenstädten, u.a. Shanghai, aber auch Tianjin, schalten und walten wie sie wollten und sogar ihre eigene Rechtssprechung implementieren.

Im Laufe der Jahrzehnte errichteten erfolgreiche Unternehmen dort ihre Prachtbauten, die vom immensen Reichtum zeugten, den sie sich unter anderem durch Opiumhandel erworben hatten. Viele der findigen Unternehmer scheffelten übrigens auch mit Immobilienhandel unglaublich viel Kohle, jedenfalls war Shanghai für skrupellose Geschäftsleute die reinste Goldgrube.

Und ihr Lebensstil und ihre unendliche Arroganz dementsprechend.

Auch heute noch ist der Bund eher so die Luxus-Adresse, und hinter mehr als einer der Fassaden versteckt sich auch weiter Glanz und Gloria der Expat-Seifenblase.

(Und ich muss sagen, einen lauen Sommerabend oben auf den Dachterrassen einer exklusiven Bar zu genießen, das hat schon was...).

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Ich bin noch nicht ganz fertig mit meiner Führung über den Bund, bin aber definitiv der Meinung, dass sie unbedingt am Broadway Mansions Hotel und der Garden Bridge beginnen muss.


Es ist nämlich erstens sehr schön dort und zweitens veranschaulicht die Garden Bridge sehr gut den krassen Alltagsrassismus und die Spaltung der Stadt in unzählige Parallelwelten: wir begeben uns mit dem Überqueren der Brücke in eine Welt, die alles andere als "normal" war.


(Blick durch dass Brückengeländer auf das am anderen Flussufer gelegene LiuJiaZui)

Ungefähr an dieser Stelle, an der der Souzhou Creek in den Huang Pu mündet, errichtete in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein findiger westlicher Geschäftsmann eine Holzbrücke und verlangte fortan eine Gebühr von jedem der die Brücke überqueren wollte.


Da die Brücke ein eher wackeliges Konstrukt war, wurde sie bald durch eine zweite Holzbrücke ersetzt, an der Einforderung von Gebühren änderte sich aber nichts.

Während aber die Chinesen ausnahmslos bar bezahlen mussten, durften die Westler quasi anschreiben lassen -- u.a. wohl deshalb, weil damals viele verschiedene Währungen in Shanghai kursierten und es wohl zu kompliziert gewesen wäre.

Für die Chinesen sah es aber so aus, als müssten nur sie bezahlen, und so nannten sie die Brücke: Wai  Bai Du Qiao... was übersetzt so viel heißt wie "Ausländer-überqueren-gratis Brücke."

Tatsächlich hagelte es so viele Beschwerden, dass die internationale Stadtregierung Anfang des 20. Jahrhunderts beschloss, eine neue Brücke, diesmal diese hier aus Stahl zu errichten, die nunmehr alle gratis benutzen dürfen.

Sowohl der chinesische Name als auch die Gerüchte, dass Ausländer für lau über die Brücke durften, halten sich aber weiterhin hartnäckig.


Zu trauriger Berühmtheit kam die Brücke 1932 und 1937, als die Japaner die außerhalb der internationalen Konzessionen gelegenen und hauptsächlich von Chinesen bewohnten Nachbarschaften bombardierten und in Schutt und Asche legten. Die Garden Bridge war für viele die einzige Möglichkeit, in die relative Sicherheit des von den Luftangriffen verschonten International Settlements zu gelangen, und täglich strömten Massen verängstigter Menschen mit ihren Familien über diese Brücke.

(Dass das International Settlement und die Französische Konzession verschont wurden, lag daran, dass Japan sich noch nicht im Krieg mit den Westmächten befand und auch noch kein Interesse daran hatte, einen Zwischenfall zu provozieren).

Heute dient die Brücke gerne als scenic location für Hochzeitsfotos.


Weiter geht es von hier aus am ehemaligen britischen Konsulat und der ehemaligen Villa des Konsuls vorbei den Bund in Richtung Süden hinunter, wobei wir hier und da fröhlich die Straßenseite wechseln müssen.

Denn manche Prunkbauten lassen sich leichter aus der relativen Ferne bestaunen, während man für manche Details näher heran muss. Und anhand einiger der Bauten lassen sich auch sehr gut die Probleme erläutern, mit denen die Stadt bei der Erhaltung der Cultural Heritage dieser Straße zu kämpfen hat.

Auch wenn es definitiv spannend ist am Bund -- und es auch einige hervorragende Bars und Restaurants gibt! -- mein Lieblingsort in Shanghai ist es trotzdem nicht.

Deshalb würde ich vorschlagen, dass wir nach unserem Spaziergang entweder die nächste Metro-Station suchen und in die Französische Konzession fahren, oder zu Fuß zum Konfuzius Tempel und seiner älteren Nachbarschaft gehen, in der die Uhren deutlich langsamer ticken als am quirligen Bund -- perfekter Ort, um das tägliche Kontrastprogramm Chinas zu veranschaulichen!

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Wenn Ihr nur einen Tag Zeit hättet in Shanghai, würde ich die Tour übrigens anders herum aufbauen, um zu große Umwege zu den anderen interessanten Orten zu vermeiden. Aber so rum gefällt mir persönlich die Bund-Tour am besten.

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Euch wünsche ich einen schönen Tag!

So long,
Corinna

09.04.18

Remembering Shanghai: unterwegs in der Vergangenheit


Kürzlich waren Mutze und ich bei der Buchvorstellung Rembering Shanghai: A Memoir of Socialites, Scholars and Scoundrels, von Isabel Sun Chao und ihrer Tochter Claire Chao.


Isabell Sun Chao wuchs in den 30er und 40er Jahren als Kind einer reichen chinesischen Familie in einem der wohlhabenden Viertel Shanghais auf, bis ihr Vater sie (als einzige der fünf Geschwister) Anfang der 50er nach Hong Kong schickte, damit wenigstens sie eine Chance auf ein neues Lebens außerhalb der Volksrepublik haben könne.


Obwohl sie selber weniger in der Vergangenheit schwelgte, sondern sich eher auf die Herausforderungen der Gegenwart konzentrierte, konnte ihre Tochter Claire sie schließlich davon überzeugen, gemeinsam ihre Familiengeschichte über die letzten fünf Generationen zurück zu verfolgen und ihre Erinnerungen an das Shanghai der legendären 30er und 40er Jahre aufzuschreiben.



Auch wenn das Buch als Memoiren und mit eingeschränktem Zugang zu Quellen aus der Sicht eines Historikers heraus natürlich einige Schwächen hat, muss ich doch sagen, dass es eine sehr willkommene und interessante Ergänzung zu den bisher veröffentlichten Berichten über das Shanghai dieser wilden Zeit ist -- denn während die anderen Bücher, die ich gelesen habe, hauptsächlich über das Leben der Expats berichten, gibt dieses hier das Leben einer reichen chinesischen Familie wider und gibt damit ganz andere Einblicke.

Na ja, und weil ich ja immer gerne unterwegs bin, um die Geschichte dieser Stadt verstehen zu lernen (und an neuen Stadtführungen zu arbeiten), habe ich mich heute auf die Suche nach den Spuren ihrer Kindheit und Jugend gemacht...

... eine wahre Freude an einem so schönen Frühlingstag wie heute...

... auch wenn die Geschichte der Sun-Familie eher traurig endete, und auch das Haus, in dem Isabel aufwuchs, deutlich die Spuren und Wunden der jüngeren Geschichte Chinas trägt.

Wenig erinnert noch an die ehemals stattliche Villa...

(Bild abfotografiert aus: Remembering Shanghai: A Memoir of Socialites, Scholars and Scoundrels)

... in der heute Händler ihre Waren aus dem Fenster heraus verkaufen (wie es in China oft üblich ist) und die Innenräume in... kleine Wohneinheiten, um es vorsichtig auszudrücken, verwandelt wurden...



Nur das Treppengeländer in der Eingangshalle dürfte noch im Originalzustand sein:

(Bild abfotografiert aus: Remembering Shanghai: A Memoir of Socialites, Scholars and Scoundrels)


Und ja, man kann einfach so hinein spazieren...

Ich habe mich nicht getraut, es zu fotografieren, aber genauso wie es in dem Buch beschrieben war, war auch heute die Tür zum ehemaligen ZhongJian, dem Mittelraum, einen Spalt breit geöffnet... nur habe ich mich nicht getraut, hineinzulünkern und vielleicht einen Blick auf die Stelle zu erhaschen, an der Isabel als junges Kind einen sehr wertvollen GongShi ihres Vaters und den Boden beschädigt hat... Angeblich soll man die Kratzer auf dem Boden noch sehen können.

Aber ich muss gestehen, es braucht einiges an Vorstellungskraft, um nachvollziehen zu können, dass hier mal eine achtköpfige Familie plus Scharen an Personal sehr privilegiert gewohnt hat...

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Auch das gesamte Viertel ist definitiv einen Frühlingsspaziergang wert, es gibt so viel zu sehen, und viele der Häuser, die jetzt auch in kleine Wohneinheiten aufgeteilt sein dürften, haben schon in den 20er und 30er Jahren hier gestanden.

Wie zum Beispiel diese Reihenhaussiedlung, die von einem reichen chinesischen Unternehmer in den 30ern gebaut wurde:


Mah, es sieht so schön und atmosphärisch aus, dass man am liebsten sofort einziehen möchte...

Tatsächlich kann ich mir aber vorstellen, dass es dort nicht sehr gemütlich und komfortabel zu leben ist. 

Vermutlich im Gegensatz zu dieser Residenz, in der früher einmal der Ansammler ehrwürdiger und bestimmt unglaublich wichtiger Titel, Shi Liang, gelebt hat:


Auch sehr fein, aber nicht zuordnungsbar dieses Haus, vor dessen Gartenhäuschen ein altes Ehepaar saß, das sicher viel über die Zeitgeschichte Chinas zu erzählen hätte:


Und direkt gegenüber und nur ein paar Ecken vom dem Elternhaus Isabel Sun Chaos entfernt, die ehemalige und extrem berühmte McTyeire School for Girls, heute besser bekannt als Shanghai No. 3 Middle School for Girls:



Hier sind übrigens nicht nur Isabel Sun Chao und ihre Geschwister zur Schule gegangen, sondern auch die Song Schwestern AiLing, MeiLing und Qing Ling.

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Ein schöner und interessanter Spaziergang war's, und zum Abschluß gab's eine gute Schüssel Niü Rou Pao Mo, eine Spezialität aus Lanzhou:


Das Leben ist schön!

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Euch wünsche ich einen schönen Wochenanfang!

So long,
Corinna

08.04.18

Xi'an


Wer sich für die Geschichte Chinas der vergangenen 100 Jahre interessiert, muss nach Shanghai kommen. Wer die chinesische Geschichte der letzten 1000 Jahre studieren möchte, ist in Beijing gut aufgehoben. Die Geschichte der letzten 3000 lässt sich dagegen am besten in Xi'an erleben.

Erklärte uns jedenfalls unser Tour Guide, den wir für unsere Reise nach Xi'an engagiert hatten. 

(Und der es sehr schwer mit uns hatte -- ich fürchte, wir taugen nicht viel dazu, uns von anderen herumführen zu lassen, und schon gar nicht dazu, uns an Zeitvorgaben zu halten. Trotzdem war es hilfreich, ihn zur Seite zu haben).

Ob man sich nun für Geschichte interessiert oder nicht: Xi'an ist definitiv eine Reise wert! Und Zeit sollte man sich nehmen, denn neben den offensichtlichen Sehenswürdigkeiten -- der Terracotta Armee, der Stadtmauer, der Wilde Goose Pagoda, dem muslimische Viertel und der Moschee (oh, vor allem der Moschee!) -- ist es auch so eine total tolle und atmosphärische Stadt.

Wie ich meinen Freundinnen schrieb:

"Mo thinks, Xi'an is as sad as Tianjin. I'd say: it's even sadder! No English, shabby, dusty and very, very local. What's not to love?"

Nah, im Ernst. Dem Mo taugt natürlich Shanghai besser, aber ich mag die weniger schicken Städte lieber! 

Die wenigstens Menschen in Xi'an sprechen Englisch, es ist ein bisschen herunter gekommen, staubig, und sehr ... na ja, chinesisch, halt.

So wie ich es am liebsten habe.

(Und seit langer Zeit hatte ich nicht mehr so viel Gelegenheit, Chinesisch zu sprechen -- denn es hat wirklich kaum einer Englisch gekonnt!)

Es war so klasse!

Man merkt zwar schnell, dass Xi'an trotz seiner 8,5 Millionen Einwohner ein bisschen provinziell ist, aber die Menschen sind voll lässig, offen, und freundlich. Und weil gerade ein langes Wochenende war, auch super gut gelaunt!

Ich könnte mich gar nicht entscheiden, was denn jetzt das beste an unserem Aufenthalt in Xi'an war:

Das super leckere Essen im First Noodles under the Sun Restaurant, das nur so (vor dem ganz normalen chinesischen Leben) gebrummt hat...




... oder das abendliche, knallbunte Gewusel um die Wilde Goose Pagoda herum...








... richtig klasse und natürlich definitiv grenzgenial die Terracotta Armee:





Und, bitte, solltet Ihr mal dort sein, vergesst Eure guten Manieren, und schaut, dass Ihr jede Lücke nutzt, um Euch in den Menschenmassen für einen besseren Ausblick ganz nach vorne zu schieben...

(Und wenn Ihr keine Menschenmassen mögt... für die Terracotta Armee lohnt es sich, eine Ausnahme zu machen. Und auch wenn man einen Platz in der ersten Reihe ergattert hat, ist ein Selfie-Stick ein wirklich lohnenswertes Accessoire!)

Am besten gefallen hat es mir in Halle 3, weil sich erstens die Menschenmassen hier schon einigermaßen verlaufen hatten, und man zweitens so ungemein viele coole Details und die ungeheure Komplexität der Ausgrabensarbeiten sehen kann:


Absolut toll die Radtour auf der Stadtmauer...


(Die Kinder wissen leider nicht, wie sehr ich immer hin und her gerissen bin, ihnen einerseits den Spaß zu gönnen, andererseits aber immer tausende Tode sterbe, wenn sie so einen Klamauk betreiben...)



Das muslimische Viertel mit den tausenden von Gerüchen, Eindrücken und Köstlichkeiten:






Richtig, richtig gut hat es mir nach dem Impressionen-Overload des Viertels gefallen, in die wunderschöne Atmosphäre der Moschee abzutauchen, die ganz im Stil eines chinesischen Tempels gestaltet ist...






....mir aber wohl vor allem deshalb so gut gefallen hat, weil sie nicht so hyper-restauriert und bunt ist, wie viele andere chinesische Tempel. Und weil es viel mehr ein Ort der Stille ist, und überhaupt eine sehr sehr angenehme Atmosphäre hat.

Wir haben noch viel mehr gesehen, aber während die anderen Orte und Museen auch okay waren, waren das hier halt doch die absoluten Highlights!

Es war einfach echt, echt cool! Solltet Ihr eine Reise nach China planen, plant auf alle Fälle ein paar Tage für Xi'an ein, und lasst Euch ein wenig Zeit dort. Es gibt so viel zu sehen und zu erleben, man kann dort so viele verschiedene Eindrücke von China bekommen!

Uns waren jedenfalls die drei einhalb Tage viel zu kurz, und wir wollen bestimmt noch mal zurück!

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Euch wünsche ich noch einen schönen Restsonntag!

So long,
Corinna