11.03.18

In den Gassen Shanghais: Geschichte erzählbar machen


Ich wollte nie nach Shanghai ziehen. Die Stadt hatte ich mir immer so als hypermodernen Riesenmoloch mit viel Glanz und Gloria aber wenig Charme vorgestellt. 

Tianjin dagegen... eh schon wissen: keine Schönheit, aber beste Stadt in China überhaupt!

Nach ungefähr einem halben Jahr in Shanghai muss ich aber doch sagen... 

Na ja, auch ganz okay.

Um nicht zu sagen: total super!

Ich verbringe nahezu jede freie Minute damit, durch Shanghai zu laufen und die Gegenden zu erkunden, über die ich mittlerweile schon viel gelesen und recherchiert habe.

Und weil ich zwar gerne alleine unterwegs bin, aber auch sehr sehr gerne Geschichten erzähle mein Wissen (und meine Begeisterung) weitergebe, biete ich meinen Freundinnen und Bekannten an, sie durch meine Lieblingsviertel zu führen und ihnen ein Gefühl davon zu vermitteln, wie Shanghai früher wohl mal gewesen sein mag...

Während für viele Geschichte ja eher so "meh" ist, finde ich nichts spannender, als in Geschichtsbücher abzutauchen, Material zu sammeln, zu recherchieren, zu ordnen und einzuordnen -- und das ganze dann in eine "erzählbare" Form zu bringen. Die Kombination zwischen wissenschaftlichem Arbeiten und das ganze so zu präsentieren, dass es auch für Fachfremde interessant ist, hat mir schon im Studium sehr getaugt.

Meine selbst-entworfenen Stadtführungen geben der Sache aber noch mal einen ganz besonderen Kick: ich kann Stunden damit verbringen zu recherchieren, doppelt und dreifach zu checken, neue Quellen und Material zu finden, und dann vor Ort zu schauen, wie man es am besten erzählen kann und welche Mittel man braucht, um einen Eindruck der Atmosphäre zu vermitteln: Bilder, Mp3-Aufnahmen, Video-Clips aus Dokumentationen, etc.

Mittlerweile habe ich ein paar selbst-entworfene Stadtführungen im Repertoire, wobei meine liebste die durch den ehemaligen "Restricted Sector for Stateless Refugees" drüben in Hongkou ist.

Hier fanden während des Dritten Reiches Tausende Juden Zuflucht. Während andere Länder ihre Grenzen für Juden schlossen oder eine Obergrenze hatten, war es in Shanghai der Verlauf des 2. Weltkrieges, der bestimmte, ob und auf welchem Weg sie nach Shanghai kommen konnten.

In den Gassen brummt heute das ganz normale chinesische Leben, und dennoch spürt man noch viel davon, dass sich hier einmal ca. 18.000 Juden inmitten ihrer chinesischen Nachbarn eine Heimat fernab der Heimat aufgebaut hatten. Es gab Cafés, Restaurants und Imbissbuden, eine Schule, Lehrwerkstätten, eine Radiostation, Zeitungen, ein Theater, Clubs...

Der Würstl Tenor: Heimat fernab der Heimat

In der Regel beginne ich den Rundgang am Tilanqiao Gefängnis.  Zum einen, um erst einmal dort stehenzubleiben und zu erzählen anzufangen: von der Geschichte der Juden in China im Allgemeinen und in Shanghai im Besonderen. Um einen Bezug herzustellen, zeige ich dann Fotos von bekannten Persönlichkeiten, die sich mit ihren Familien vor den Nazis nach Shanghai hatten retten können.

Danach erzähle ich vom Gefängnis, das einmal das größte Asiens war, dass viele der Gefängniswächter Sikh waren, die hier im Dienste der Briten im International Settlement als Polizisten arbeiteten. 

Da gibt es eine ganz besonders schöne Geschichte eines Flüchtlings, der mit 13 Jahren und ohne überhaupt eine Vorstellung von China das Boot am Bund verlassen hatte und sich in einem Shanghai wiederfand, das auf der am Bund gelegenen Seite glamourös und modern, auf der anderen Seite des Suzhou Creeks aber in weiten Teilen vom Kampf um Shanghai 1937 zerbombt war. Von den vielen verwirrenden Eindrücken, den Gerüchen, dem Klima... und wie er staunte, dass einer der ersten Menschen, die er dort traf, mitnichten ein Chinese sondern ein indischer Polizist war.

(Man darf sich Shanghai aber keinesfalls als Melting Pot der Kulturen vorstellen -- im Gegenteil lebten die verschiedenen Nationalitäten fein säuberlich voneinander getrennt. Chinesen stellte man höchstens als Personal ein.  Woran sich bis heute übrigens wenig geändert hat.)

Weiter geht es an einigen Landmarks vorbei zum Museum, wo ich von den verschiedenen Restaurants und Cafés erzähle, die die Nachbarschaft zum "Little Vienna" machten, aber auch davon, dass das Leben für die Flüchtlinge (insbesondere in der Zeit zwischen 1943 und 1945) alles andere als ein Zuckerschlecken sondern von vielen Schwierigkeiten, Hindernissen, Mangel, Krankheiten und auch Verzweiflung geprägt war. Aber auch von der Hilfsbereitschaft innerhalb der jüdischen Gemeinschaft inner- und außerhalb Chinas, die die Flüchtlinge so gut wie möglich unterstützte.

Im Museum und der Synagoge gibt es viel zu sehen und auch viele historische Details zu erzählen (wobei ich immer ein bisschen aufpassen muss, nicht zu sehr ins Detail zu gehen... aber ich finde das alles einfach so faszinierend...), und anschließend machen wir noch einen Rundgang durch die Gassen, meine liebsten in Shanghai, wo ich einige Gebäude ganz besonders hervorhebe: zum Beispiel das Haus, in dem Michael W. Blumenthal lebte, das Joint Distribution Center und das ehemalige Theater mit der Gartenterrasse, die einer der Fix-Punkte des gesellschaftlichen Lebens war...

...

Wie ihr seht, ist für mich die größte Herausforderung dabei, nicht zuuuu sehr ins Detail zu gehen -- meine Freundinnen, an denen ich die Tour zu erst ausprobiert hatte, bevor ich sie auch anderen angeboten habe, hatten schon gelacht und gesagt, sie würden nur kommen, wenn ich sie hinterher nicht abfragen würde, ob sie auch gut aufgepasst hätten...

Auf jeden Fall: Spaß machts! 

Als nächstes Projekt würde ich gerne eine zwei- bis dreitägige Tour nach Nanjing entwerfen -- allein schon aus dem Grund,  dass ich dafür noch ein paar Mal zum Vorbereiten hinfahren könnte, :-).

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Zum ersten Mal verlinkt bei Elkes #Linkparty FROH und #Kreativ, :-).

Cheers,
Corinna

Kommentare:

  1. Sollte ich irgendwann mal wieder nach Shanghai kommen, weiß ich, an wen ich mich wenden werde! Das jüdische Museum hat mich sehr beeindruckt, die Gegen drumherum habe ich nicht erkunden können, Mischung aus Zeitmangel und unzureichender Kleidung bei Regen... Mir würden solche Führungen sehr gefallen! :)

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  2. Wow, echt interessant! Schade, dass ich so bald nicht nach China (geschweige denn Shanghai) komme, sonst würde ich liebend gern an einer deiner Touren teilnehmen!! Bitte schreibe weiterhin so tolle und interessante Blogeinträge.

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  3. Was Frau so alles lernt. Ich wusste gar nicht, dass Juden in Shanghai Zuflucht gefunden haben. Wirklich ein sehr interessanter Post und gibt sicher noch vieles zu berichten von dieser tollen Stadt.
    Liebe Grüsse
    Barbara

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  4. Schönen Dank für die kreative Stadtführung. Da habe ich wieder etwas gelernt. Danke für den Link und ich hoffe auf mehr Geschichten.
    LG Elke

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  5. Herzlichen Glückwunsch, du hast den Kreativ-Award im April 2018 gewonnen! Meine E-mail ist zurückgekommen, deshalb diese Nachricht. Ich mache noch einen Gewinnpost dazu.
    LG Elke

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    1. Hier ist der versprochene Gewinnerpost:https://ein-kleiner-blog.blogspot.de/2018/05/der-kreativ-award-fur-april-2018-ist.html
      LG Elke

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