11.04.18

DIY: Shanghai erleben


Als ich zum ersten Mal und in relativer Unkenntnis der Geschichte dieser Stadt, ach, überhaupt der chinesischen Geschichte, nach Shanghai kam, hat mich der Bund, eine der berühmtesten Touristenattraktionen, ziemlich irritiert.

Klar war das toll, sich durch die Menschenmassen zu schieben und über den Fluss auf das hellerleuchtete LiuJiaZui mit seinen lässigen Hochhäusern und dem Pearl Tower zu schauen.

Was aber genau diese komischen, massiven, pompösen und absolut un-chinesischen Prunkbauten hinter uns sollten, hatte sich mir damals noch nicht so recht erschlossen. Und wirklich schön finde ich sie auch nicht gerade.

Dass ich, egal wie oft ich durch meine Fotos scrolle, kein vernünftiges Bild vom Bund finde, sagt ja schon alles, ungeliebtes Stiefkind halt.

Selbst nachdem ich angefangen hatte, mich mit der Geschichte zu beschäftigen, hat sich mein Verhältnis zum Bund erst mal nicht verbessert, steht er doch in meinen Augen für Ausbeutung und gröbste Kolonialattitüden.

Pah!

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Aber das kann man dann ja so auch nicht da stehen lassen.

Also bin ich der Sache mal genauer auf den Grund gegangen, habe ein wenig in meinen Geschichtsbüchern und Stadtführern gewühlt, einige Ausflüge zum Bund gemacht, bin die Straße rauf und runter gelaufen...

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...und nach einem entspannten Abend in einer der grandiosen Bars am Bund beschlossen, dass auch diese Ecke der Stadt durchaus seinen Charme hat.

Und wenn man diese Stadt verstehen will, führt nun mal kein Weg am Bund vorbei.

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Aber was ist denn jetzt genau der legendäre Bund, den alle, die nach Shanghai kommen, sehen wollen?

Der Bund ist eine direkt am Huang Pu gelegene Straße und Teil eines Gebietes, das den Briten zugesprochen wurde, nachdem sie den Opiumkrieg gewonnen und China mit dem Vertrag von Nanjing so richtig abgezockt hatten.  Während die Chinesen vorher den In- und Auslandshandel streng reguliert hatte, konnten die Westler (die anderen Länder sprangen schnell auf den fahrenden Zug) von nun an in ausgewählten Hafenstädten, u.a. Shanghai, aber auch Tianjin, schalten und walten wie sie wollten und sogar ihre eigene Rechtssprechung implementieren.

Im Laufe der Jahrzehnte errichteten erfolgreiche Unternehmen dort ihre Prachtbauten, die vom immensen Reichtum zeugten, den sie sich unter anderem durch Opiumhandel erworben hatten. Viele der findigen Unternehmer scheffelten übrigens auch mit Immobilienhandel unglaublich viel Kohle, jedenfalls war Shanghai für skrupellose Geschäftsleute die reinste Goldgrube.

Und ihr Lebensstil und ihre unendliche Arroganz dementsprechend.

Auch heute noch ist der Bund eher so die Luxus-Adresse, und hinter mehr als einer der Fassaden versteckt sich auch weiter Glanz und Gloria der Expat-Seifenblase.

(Und ich muss sagen, einen lauen Sommerabend oben auf den Dachterrassen einer exklusiven Bar zu genießen, das hat schon was...).

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Ich bin noch nicht ganz fertig mit meiner Führung über den Bund, bin aber definitiv der Meinung, dass sie unbedingt am Broadway Mansions Hotel und der Garden Bridge beginnen muss.


Es ist nämlich erstens sehr schön dort und zweitens veranschaulicht die Garden Bridge sehr gut den krassen Alltagsrassismus und die Spaltung der Stadt in unzählige Parallelwelten: wir begeben uns mit dem Überqueren der Brücke in eine Welt, die alles andere als "normal" war.


(Blick durch dass Brückengeländer auf das am anderen Flussufer gelegene LiuJiaZui)

Ungefähr an dieser Stelle, an der der Souzhou Creek in den Huang Pu mündet, errichtete in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein findiger westlicher Geschäftsmann eine Holzbrücke und verlangte fortan eine Gebühr von jedem der die Brücke überqueren wollte.


Da die Brücke ein eher wackeliges Konstrukt war, wurde sie bald durch eine zweite Holzbrücke ersetzt, an der Einforderung von Gebühren änderte sich aber nichts.

Während aber die Chinesen ausnahmslos bar bezahlen mussten, durften die Westler quasi anschreiben lassen -- u.a. wohl deshalb, weil damals viele verschiedene Währungen in Shanghai kursierten und es wohl zu kompliziert gewesen wäre.

Für die Chinesen sah es aber so aus, als müssten nur sie bezahlen, und so nannten sie die Brücke: Wai  Bai Du Qiao... was übersetzt so viel heißt wie "Ausländer-überqueren-gratis Brücke."

Tatsächlich hagelte es so viele Beschwerden, dass die internationale Stadtregierung Anfang des 20. Jahrhunderts beschloss, eine neue Brücke, diesmal diese hier aus Stahl zu errichten, die nunmehr alle gratis benutzen dürfen.

Sowohl der chinesische Name als auch die Gerüchte, dass Ausländer für lau über die Brücke durften, halten sich aber weiterhin hartnäckig.


Zu trauriger Berühmtheit kam die Brücke 1932 und 1937, als die Japaner die außerhalb der internationalen Konzessionen gelegenen und hauptsächlich von Chinesen bewohnten Nachbarschaften bombardierten und in Schutt und Asche legten. Die Garden Bridge war für viele die einzige Möglichkeit, in die relative Sicherheit des von den Luftangriffen verschonten International Settlements zu gelangen, und täglich strömten Massen verängstigter Menschen mit ihren Familien über diese Brücke.

(Dass das International Settlement und die Französische Konzession verschont wurden, lag daran, dass Japan sich noch nicht im Krieg mit den Westmächten befand und auch noch kein Interesse daran hatte, einen Zwischenfall zu provozieren).

Heute dient die Brücke gerne als scenic location für Hochzeitsfotos.


Weiter geht es von hier aus am ehemaligen britischen Konsulat und der ehemaligen Villa des Konsuls vorbei den Bund in Richtung Süden hinunter, wobei wir hier und da fröhlich die Straßenseite wechseln müssen.

Denn manche Prunkbauten lassen sich leichter aus der relativen Ferne bestaunen, während man für manche Details näher heran muss. Und anhand einiger der Bauten lassen sich auch sehr gut die Probleme erläutern, mit denen die Stadt bei der Erhaltung der Cultural Heritage dieser Straße zu kämpfen hat.

Auch wenn es definitiv spannend ist am Bund -- und es auch einige hervorragende Bars und Restaurants gibt! -- mein Lieblingsort in Shanghai ist es trotzdem nicht.

Deshalb würde ich vorschlagen, dass wir nach unserem Spaziergang entweder die nächste Metro-Station suchen und in die Französische Konzession fahren, oder zu Fuß zum Konfuzius Tempel und seiner älteren Nachbarschaft gehen, in der die Uhren deutlich langsamer ticken als am quirligen Bund -- perfekter Ort, um das tägliche Kontrastprogramm Chinas zu veranschaulichen!

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Wenn Ihr nur einen Tag Zeit hättet in Shanghai, würde ich die Tour übrigens anders herum aufbauen, um zu große Umwege zu den anderen interessanten Orten zu vermeiden. Aber so rum gefällt mir persönlich die Bund-Tour am besten.

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Euch wünsche ich einen schönen Tag!

So long,
Corinna

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